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Neues Zeitmodell für Spitäler

Von Christian Rösner

Politik
Wehsely: "Es geht nie um Kürzungen , sondern immer nur um die Dämpfung des Anstiegs."
© Urban

In Wiener Spital startet Pilotprojekt zu einem neuem Arbeitszeitmodell.


"Wiener Zeitung": Die Länder sollen Asylwerber aus dem überfüllten Flüchtlingsheim Traiskirchen übernehmen. Warum zeigt sich Wien so zurückhaltend?Sonja Wehsely: Wien hat mit 5700 Asylwerbern derzeit um 1700 mehr, als die Quote verlangt: Wir liegen bei 143 Prozent. Hätten wir dasselbe wie Niederösterreich gemacht und gesagt: Wir wollen nur die Quote erfüllen, dann müssten jetzt noch zusätzlich 1700 Flüchtlinge auf die Länder aufgeteilt werden. Wir werden das hohe Niveau halten, aber Wien kann nicht alles tragen. Jetzt sind einmal die anderen Bundesländer dran.

Wer ist von den Ländern Ihrer Meinung nach am säumigsten?

Salzburg und Kärnten.

Gibt es derzeit so starke Flüchtlingsströme?

Im Gegenteil: Im Jahr 2002 hatten wir 39.000 Asylanträge. 2011 waren es 14.000. Aber alle tun so, als würden wir gerade einen Rekordwert erreichen. Daran sieht man, dass die anderen Bundesländer überhaupt nichts mehr tun.

Die müssen immerhin rund 10.000 Flüchtlinge unterbringen.

Ich habe mir das ausgerechnet: Wenn Wien sich um 5000 Flüchtlinge kümmert, und 10.000 bleiben übrig, dann kommen auf jede Gemeinde in Österreich 4,3 Flüchtlinge.

Österreich könnte also eigentlich doppelt so viele Flüchtlinge bewältigen?

Das habe ich nicht gesagt. Ich sage nur, wie es aussieht.

Thema Gesundheitsreform: Hauptverbands-Chef Hans Jörg Schelling kritisiert, dass die Länder entgegen der Vereinbarung vom Juni plötzlich um 230 Millionen Euro mehr verlangen - gefährdet das nicht die Verhandlungen?

Ich schätze Herrn Schelling als guten Verhandlungspartner. Wenn man aber die politische Vereinbarung vom Juni liest, kommt man drauf, dass der Verteilungsschlüssel über die vereinbarten Kostendämpfungen im Ausmaß von 3,4 Milliarden Euro zwischen Ländern und Kassen von 60:40 gar nicht drinnen steht. Das war eine angenommene Größe, um verhandeln zu können. Im August hat dann der Hauptverband seine prognostizierten Planwerte für die nächsten Jahre veröffentlicht, wonach deutlich weniger Kosten zu erwarten sind, als es die Dämpfung verlangen würde. Das ist, finde ich, ein Ausgabensteigerungs- und kein Dämpfungspfad. Das muss zurechtgerückt werden.

Deswegen sollte jetzt das Geld zu den Ländern wandern?

In dem Dämpfungspfad, den die Sozialversicherung hat, sollen Maßnahmen vorgesehen sein, die genau das tun, was alle Gesundheitsexperten seit Jahrzehnten empfehlen: den niedergelassenen Bereich stärken.

Aber Schelling hat ja als Kompromiss angeboten, einen Teil der höheren Beträge, die die Sozialversicherung für die Spitäler leistet, dem niedergelassenen Bereich zu-kommen zu lassen.

Das ist absurd, denn es geht hier um Teile des Finanzausgleichs, in denen genau das drinnen steht, was die Sozialversicherung zu bezahlen hat. Und der Finanzausgleich wurde gerade von den Landeshauptleuten und der Finanzministerin bis 2016 verlängert. Lustige Idee, dass der jetzt geändert werden könnte.

Die Gewerkschaft kritisiert auf Spitalsebene ständig Kürzungen im Personalbereich. Würde die Stärkung des niedergelassenen Bereichs die Personalknappheit in den Spitälern eindämmen?

Gleich vorweg: Es geht bei uns immer um eine Dämpfung des Anstiegs, nie um Kürzungen. Man steigert also nicht um fünf Prozent, sondern nur um vier.

Das heißt, es gibt genug Personal?

Österreichweit kommen auf 100 Krankenhausbetten 41 Ärzte. In Wien sind es 54. Bei den Krankenschwestern sind es österreichweit 90, in Wien 112.

Auch der Leistungsbedarf steigt.

Ja, aber es gibt Leistungsspitzen und Ruhephasen. Das muss besser koordiniert werden. Deswegen haben wir im Spitalskonzept auch eine neue Personalplanung inklusive Arbeitszeitmodell, das demnächst in einem unserer Spitäler als Pilotprojekt starten soll. Da wir deutlich mehr Personal als alle anderen haben, die Mitarbeiter aber dennoch unzufrieden sind, bin ich entschlossen, diesen Weg mit ihnen zu gehen.

Im Sommer gab es Wirbel um das Anton Proksch Institut, weil es zu wenig Geld für den ambulanten Alkoholentzug gibt. Warum hilft hier Wien nicht, wo man doch ständig propagiert, ambulanten Leistungen gegenüber stationären den Vorzug geben zu wollen?

Es handelt sich um keine Wiener Einrichtung. Aber unabhängig davon haben die Obfrau der Wiener Gebietskrankenkasse, Ingrid Reischl, und ich beschlossen, uns dieses Themas anzunehmen, weil es deutlich unterbelichtet ist und tabuisiert wird.

Was soll geschehen?

Wir haben eine Gruppe zusammengestellt, die den Status quo erheben soll. Im Frühjahr 2013 soll eine Ist-Aufnahme vorliegen, die zeigt, was wir haben, was wir brauchen und wo der Weg hingehen soll. Um ein ganzes System für Alkoholkranke aufzubauen, wird es bis zum Vollausbau ein paar Jahre dauern.

Wer übernimmt in der Zwischenzeit den ambulanten Entzug?

Das Anton Proksch Institut wird weiter die ambulante Vor- und Nachbehandlung fortführen. Auch Spezialeinrichtungen der Wiener Spitäler stehen bereit, und der niedergelassene Bereich wird mehr Leistungen übernehmen müssen.