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Neuseeland zeigt Flagge

Von Ronald Schönhuber

Politik

Der Union Jack muss weg, die Nation soll nun über ein neues Design abstimmen.


Wellington. Neuseeland, so scheint es, hat alle Stürme der vergangenen Jahre nahezu unbeschadet überstanden. Während Europa mehr als fünf Jahre nach Beginn der Krise nur mühsam auf den Wachstumspfad zurückfindet, glänzt das kleine Land im Süden des Pazifiks, das oft nur mit Schafen, Kiwis und Hobbits assoziiert wird, mit anhaltend guten Wirtschaftsdaten. 2012 betrug das BIP-Wachstum 2,6 Prozent, und für die Periode 2013 bis 2015 wird sogar eine jährliche Steigerung von knapp über 3 Prozent prognostiziert. Das robuste Wirtschaftswachstum wird zudem von einem regelrechten Jobwunder begleitet, pro Quartal kamen im abgelaufenen Jahr bis zu 30.000 neue Stellen hinzu.

Dass die Neuseeländer derzeit wenig echte Sorgen plagen, lässt sich aber nicht nur an den trockenen Statistiken ablesen, sondern wird auch schon dann offensichtlich, wenn man einfach nur ein Hotelzimmer in Auckland, der mit 1,3 Millionen Einwohner größten Stadt des Landes, nimmt. Während selbst in vielen hochindustrialisierten Ländern die Mülltrennung noch in den Kinderschuhen steckt, gelten in der neuseeländischen Hotellerie seit einiger Zeit Wurm-Farmen, die organischen Abfall in Kompost umwandeln, als letzter Schrei.

Mit dem scheinbar unaufhaltsamen Aufstieg der neuseeländischen Wirtschaft erwacht allerdings auch das Selbstbewusstsein der 4,5-Millionen-Einwohner-Nation immer stärker. Wie groß dieses mittlerweile ist, lässt sich derzeit wohl nirgends so genau beobachten wie in der gerade wieder aufkeimenden Diskussion um eine neue Nationalflagge. Keine vier Wochen vor dem Besuch von Prinz William in Neuseeland hat nun selbst Regierungschef John Key die derzeitige Flagge, die neben dem Kreuz des Südens auch den "Union Jack" als Erinnerung an die britisch bestimmte Vergangenheit enthält, als nicht mehr zeitgemäß bezeichnet. "Dieses Design symbolisiert eine koloniale und post-koloniale Periode, deren Zeit abgelaufen ist", sagte Key am Dienstag in einer Ansprache an der Victoria University. "Der Union Jack dominiert unsere Flagge, während wir schon längst nicht mehr vom Vereinigen Königreich dominiert werden."

Zum Verwechseln ähnlich

Geht es nach dem Willen von Key, dessen konservative National Party bei den Parlamentswahlen im September als Sieger hervorgehen dürfte, sollen die Neuseeländer innerhalb der nächsten drei Jahre über eine neue Flagge abstimmen. Welches Design der Premier dabei präferiert, ist alles andere als ein Geheimnis. Bereits in den vergangenen Wochen machte er sich für die schwarze Flagge mit dem silbernen Farn stark, die vor allem von Sportlern und dem Rugby-Nationalteam All Blacks verwendet wird, wenn sie Neuseeland vertreten.

Befürworter des Wechsels argumentieren unter anderem damit, dass das aktuelle Design die indigenen Maori nicht angemessen repräsentiert. Für viele Neuseeländer ist das größte Problem jedoch, dass die derzeitige Flagge fast genauso aussieht wie jene von Australien - und gerade mit dem großen Bruder verbindet Neuseeland nicht nur bei sportlichen Wettkämpfen eine durchaus herzhafte Rivalität. Die Ähnlichkeit hat zudem schon für den einen oder anderen diplomatischen Fauxpas gesorgt. Legendär ist in diesem Zusammenhang der Kanada-Besuch des australischen Premierministers Bob Hawke im Jahr 1985, der ganz Ottawa mit neuseeländischen Flaggen geschmückt vorfand.

Der Wechsel der Flagge, gegen den bereits jetzt Veteranenverbände protestierten, dürfte sich aber nicht nur wegen der emotional besetzten Materie schwierig gestalten, sondern auch aufgrund praktischer Probleme. Denn bevor die Neuseeländer abstimmen können, muss ein Designwettbewerb gestartet werden, um zumindest eine Vorauswahl treffen zu können. Und in den sozialen Medien geht bereits die Furcht um, dass in diesem Fall nicht die besten Entwürfe das Rennen machen. Zudem ist derzeit auch noch nicht einmal absehbar, ob die Neuseeländer überhaupt eine neue Flagge wollen. Bei einer Umfrage im Juli sprach sich noch eine deutliche Mehrheit dafür aus, vor einem Monat waren hingegen 70 Prozent dagegen.