Zum Hauptinhalt springen

Neustart für die nächste Welle

Von Cheick Sidi Diarra

Gastkommentare

Die letzte Gruppe der ärmsten Volkswirtschaften dieser Welt hat jetzt eine Chance aufzusteigen. In ihrem eigenen Interesse sollten ihnen die weiter entwickelten Länder dabei helfen.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 13 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Es gibt 48 Länder, die im Großteil des vergangenen Jahrzehnts jährlich 6 bis 7 Prozent wuchsen und sogar während des Konjunktureinbruchs 2009 um mehr als 4 Prozent expandierten. Die meisten sind reich an teuren Rohstoffen, ihre Regierungen führten investorenfreundliche Reformen ein, und sie haben junge, kreative Arbeitskräfte. Es gibt viele Möglichkeiten für Neuabschlüsse. Diese Volkswirtschaften der "nächsten Welle" ziehen aber nur einen minimalen Prozentsatz der weltweiten Investitionen an. Die Gesamtbevölkerung dieser Länder (fast 900 Millionen Menschen) bleibt von den großen Konsumgüter-Vermarktern großteils unberührt, im Gegensatz zu anderen schnell wachsenden Entwicklungsländern. Das umgekehrte Potenzial ist enorm, würden sie sagen.

Doch die Hälfte der Bevölkerung lebt von einem oder etwas mehr Dollar pro Tag. Hunger, Analphabetismus und ansteckende Krankheiten sind endemisch, den Zivilbehörden mangelt es an Ressourcen für die Bewältigung von Naturkatastrophen. Die Regierungen, von denen viele mit kürzlichen oder aktuellen nationalen Konflikten zurechtkommen müssen, sind oft überfordert.

Um genau diese Länder geht es derzeit bei einer UNO-Konferenz in Istanbul. 33 von ihnen liegen in Afrika südlich der Sahara; 14 in Südasien und Ozeanien; und eines (Haiti) in der westlichen Hemisphäre.

Die letzten zwei Jahrzehnte waren Zeugen eines Anstiegs bei aufstrebenden Ländern wie Brasilien, China, Indien und Indonesien. Das Millenniumsentwicklungsziel der Bekämpfung extremer Armut auf der Welt wurde bereits schneller als geplant erreicht. Nun hat auch die letzte Gruppe der Länder, die noch in endemischer Armut stecken, eine Chance aufzusteigen.

Die globale Öffentlichkeit versteht die internationalen Bemühungen im Kampf gegen Armut, Krankheiten und Analphabetismus und für die Aufrechterhaltung der natürlichen Umwelt. Investoren sind eher bestrebt als abgeneigt, sich auch dort zu engagieren.

Von einem Aufstieg dieser ärmsten Länder profitiert auch die restliche Welt. Der jüngste Bericht einer Expertenkommission unter Vorsitz von Malis Ex-Präsident Alpha Konare und Ex-Weltbank-Präsident James Wolfensohn weist auf die Gefahr einer zweigleisigen Welt hin.

Die Bemühungen brauchen Partnerschaften und harmonisches Handeln an zwei Fronten: humanitäre Hilfe und heimische Investitionen. Ich glaube, dass nachhaltiges Wirtschaftswachstum der sicherste Weg nach vorn ist. Hilfe allein genügt nicht zur Umsetzung. Dies hängt auch von fortlaufenden Reformen ab, einschließlich ganzheitlicher nationaler Entwicklungspläne unter Berücksichtigung ländlicher und städtischer Sektoren, sozialer Bedürfnisse und wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit, externer Investitionen und internen Wachstums.

Wir stehen an der Wende eines neuen Jahrzehnts. Es ist Zeit für einen Neustart für die am wenigsten entwickelten Länder der Welt.

Cheick Sidi Diarra ist Untergeneralsekretär der UNO und Hoher Beauftragter für die am wenigsten entwickelten Länder, Binnenentwicklungsländer und kleinen

Inselentwicklungsländer.