Zum Hauptinhalt springen

Neutralität als Brücke der Humanität

Von Karl Pangerl

Gastkommentare
Karl Pangerl ist BHS-Lehrer in Oberösterreich. Er war Mitglied des Europäischen Forums Alpbach und ist seit 2001 Unesco-Schulreferent.
© privat

Österreich kann helfen, jene Logik des Krieges aufzubrechen, die am Ende dazu führt, dass es nur Verlierer, aber keinen Sieger gibt.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 1 Jahr in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Die Identifikation mit der österreichischen Neutralität nährt sich aus zwei Traumata und einer Vision: nämlich aus dem Zerfall des Habsburger-Reiches, aus dem "Nie mehr wieder" des Zweiten Weltkrieges und aus dem Bekenntnis zur friedensstiftenden und friedenserhaltenden Brücke des Dialogs, insbesondere seit der Implementierung Wiens als Standort der Vereinten Nationen in der nunmehrigen Europäischen Union.

Die Österreicherinnen und Österreicher haben sich als freie, souveräne Bürgerinnen und Bürger im Vertrauen auf die Zusicherungen der Politik für die Europäische Union entschieden - in der Überzeugung, dass die Neutralität ein essenzieller Baustein für eine europäische Sicherheitsarchitektur in einem globalen Kräftegefüge zu sein vermag. Generiert doch ein Europa der Vielfalt Stärke gerade aus der Synthese individueller Atouts.

Seit rund zwei Jahrzehnten erlebt die westliche Welt nun eine Spirale aus Krisen und Destruktion. Dem Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine als vorläufigem Tiefpunkt wohnt eine zusätzlich verstärkende Eigendynamik inne, die im medialen Stakkato um Waffenlieferungen ihren Widerhall findet. Politische Ziele oder gar Visionen, zu welcher Form der Koexistenz diese Eskalation führen soll, sind dabei nicht wahrnehmbar. Wenn beide Seiten weiter alternativlos dieser Logik folgen, wird es nur Verlierer, aber keinen Sieger geben.

Im Fanal der Dialektik von Sieg und Niederlage, strategischen Interessen und Heldentod bedarf es eines Raumes, der Besinnung und Gespräch eine Chance gibt, in dem unbeirrt mutige und ambitionierte Modelle zur Überwindung des Gegeneinanders erarbeitet werden. Es braucht unter dem Eindruck der tausendfachen menschlichen Tragödien eine vorbehaltlose Versammlung der besten Köpfe und Ideen, um in Aufarbeitung von Ursachen und kreativer Transzendierung der jeweiligen Logiken Horizonte der Inspiration für alle und mit allen Parteien zu eröffnen. Gerade weil es um die Amplituden der Geschichte weiß, bürgt das in freiem Bekennen neutrale Österreich mit seiner diplomatischen Exzellenz dafür, ein Ort der die Sinne öffnenden Entspannung und der konstruktiven Anspannung zu sein. Neutralität als die hohe Kunst des Zuhörens bedeutet, im Aufbrechen der Entfremdung vor sich selbst und voreinander jene unauslöschliche Stimme im Menschen zum Leben zu erwecken, der sein zu können, der er in seinem innersten Kern ist.

"Trenne dich nie von deinen Träumen. Wenn sie verschwunden sind, wirst du weiter existieren, aber aufgehört haben zu leben." (Zitat Mark Twain)

Initiieren wir - Ost und West - einen Dialog, der zum Ursprung unserer verschütteten Träume vordringt. Machen wir Wien zur Stadt der Träume, um ein Feuerwerk an Ideen von einer neuen Welt, einer neuen Zeit, einem neuen Miteinander zu entzünden. Stellen wir Spaltung und Krieg ein neues Hoffen und Wollen in Gleichheit und Freiheit gegenüber.