Zum Hauptinhalt springen

New York verlagert die Trauer ins Museum

Von Gisela Ostwald

Politik

New York - Genau ein halbes Jahr ist es her, dass in New York das Leben still stand und sich das Entsetzen in Tausenden spontaner Botschaften Luft machte. Allein am Union Square beschrieben New Yorker 150 Zeichenpapierrollen mit Worten der Trauer, Ohnmacht und Verzweiflung. Kaum eine Wand in Manhattan, die nach dem Inferno des World Trade Centers nicht hinter Suchmeldungen und Fotos von "Vermissten" verschwand. Was übrig blieb von dem Meer aus Kerzen, Blumen, Flaggen und Kinderzeichnungen erinnert jetzt in einer Ausstellung an das Grauen vom 11. September. New York hat seine Gedenkstätten an die Opfer der Terroranschläge ins Museum verlagert.


"Missing - Streetscape of a City in Mourning" (Vermisst - Straßenbild einer trauernden Stadt) heißt die Sammlung der Erinnerungsstücke, die die New-York Historical Society an diesem Dienstag in ihren Räumen eröffnet. "Nie zuvor hat es in New York Trauer in einer solch geballten Form gegeben", sagt Museumspräsident Kenneth Jackson. Steve Zeitlin, einer der Kuratoren der Ausstellung, glaubt, dass die Stadt mit der Flut spontaner Bekundungen unbewusst versucht habe, es "dem ungeheuren Ausmaß ihres Verlusts" gleich zu tun.

Für manche New Yorker dürften die Erinnerungen noch zu frisch und überwältigend sein, um durch die Poster, Gedichte und verwelkten Blumensträuße wieder aufgewühlt zu werden. Für andere, vor allem für Besucher aus den weiteren USA und Übersee sollen sie sechs Monate danach die "kollektive Trauer der New Yorker" hautnah vermitteln. In den ersten Tagen nach den Terrorattacken war die Millionenmetropole an ihrem Nerv getroffen und wie starr in ihrem Schock, sagte der Kurator der "New York Times". Dann aber brach die Bevölkerung mit ihren zu Papier gebrachten Geschichten das Schweigen und verwandelte die Bürgersteige zu kleinen Kunststätten.

Außer diesen Zeugnissen persönlicher Furcht, Konfusion und Wut zeigt das Museum jetzt eingedrückte Feuerwehrhelme, die zerbrochenen Brillen von Rettungshelfern und angekohlte Papierbögen aus den Büros der zerstörten Zwillingstürme. Daneben sprechen Teddybären und andere Spielsachen, die Kinder unter den Schnappschuss von der vermissten Mutter oder junge Frauen unter die Aufnahme vom Geliebten legten, von dem Sehnen der Hinterbliebenen.

"Der 11. September hat eine Unmittelbarkeit, die keinem anderen historischen Ereignis gleichkommt", interpretiert Museumspräsident Jackson. "Nur ganz wenige waren Augenzeugen des Todes von Prinzessin Diana." Aber neben den unzähligen Fernsehzuschauern in aller Welt hätten mindestens eine Million Menschen in New York mit ihren eigenen Augen verfolgt, "wie zwei der größten Gebäude auf der Erde einstürzten, und gewusst, dass im gleichen Moment, während sie zusahen, viele, viele Menschen ihr Leben verloren".