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Nicht Ängste, sondern Probleme ernst nehmen

Von Martin Meyrath

Gastkommentare
Martin Meyrath ist Politologe in Wien und arbeitet zu den Bereichen Politische Ökonomie, Cultural Studie, Politische Theorie und Gender Studies.

Der Flüchtlingskrise konstruktiv zu begegnen heißt, eine breite Streuung der Geflüchteten auf die österreichischen Gemeinden zu ermöglichen.


Probleme kann man verstehen und lösen. Wenn das nicht funktioniert, kann man sein Wissen vertiefen, um neue Lösungswege finden. Ängste hingegen lassen sich nur schwerlich kontrollieren, denn sie entstehen im Ungewissen. Es ist nicht die Dunkelheit, die wir fürchten, sondern was sich in ihr verbergen könnte. Wenn Politiker also in Anbetracht von Zuwanderung beteuern, die Ängste in (Teilen) der Bevölkerung ernst zu nehmen, reagieren wir als Gesellschaft irrational.

Die meisten Leute, die Flüchtlinge ablehnen, haben im Alltag wenig Kontakt zu muslimischen Mitbürgern. Statistiken belegen, dass die Skepsis gegenüber Fremden durch alltägliche Begegnung sinkt und gerade dort blüht, wo man seinen vermeintlichen Feind nur vom Hörensagen kennt. In der Pegida-Hochburg Sachsen liegt der Anteil der Muslime bei 0,4 Prozent. In Traiskirchen hat die SPÖ eine absolute Mehrheit (73 Prozent), die Freiheitlichen kamen 2015 auf 14 Prozent.

Der Shitstorm um Halal-Fleisch bei Spar ist ein gutes Beispiel. Alle Schlachtungen in Österreich müssen dem Tierschutzgesetz entsprechen, das heißt die Tiere müssen betäubt werden und die Islamische Glaubensgemeinschaft (IGGIÖ) erkennt auch Schlachten mit vorangehender Betäubung als halal an. Trotzdem entzündete sich der Zorn an der vermeintlichen Tierquälerei.

Das bedeutet nicht, dass es keine Probleme gibt. Clemens Neuhold beschrieb zuletzt im "profil" zum Beispiel Bandenkriege zwischen Einwanderern aus Tschetschenien und Afghanistan im Wiener Prater. Auch der Pop-Fundamentalismus unter jungen Muslimen ist nicht so lächerlich, wie man vielleicht zu glauben verleitet ist, denn es sind diese Soziotope, aus denen radikale Fundamentalisten ihre Anhängerschaft rekrutieren.

Soziale Spannungen entstehen vorrangig in Ballungszentren. Die jeweilige ethno-kulturelle Zusammensetzung wird dabei oftmals zum phänotypischen Filter der Artikulation, aber im Kern der Sache geht es zumeist um Drogen, Gewalt oder Geld. Die beste Präventionsmaßnahme ist gesellschaftliche Teilhabe, denn die meisten Menschen, die in Arbeit, Familie und sozialem Umfeld Anerkennung finden, haben kein Interesse daran, ihr Leben für Hirngespinster aufzugeben. Hören Heranwachsende hingegen, dass sie ohnehin nicht dazugehören, so ist die Suche nach alternativen Referenz- und Wertesystemen naheliegend. Die Vielzahl der zivilgesellschaftlichen Initiativen wie Kultur- und Sportvereine kann hier Teil der Lösung sein, denn sie haben Zugang zu den Jugendlichen in ihrer Freizeit.

Der Flüchtlingskrise konstruktiv zu begegnen heißt demnach nicht, in nationalistisches Lagerdenken zu verfallen, sondern eine breite Streuung der Geflüchteten auf die österreichischen Gemeinden zu ermöglichen. Gerade diejenigen, die verlangen, dass sich Asylsuchende schnell integrieren, sollten daran interessiert sein, ihnen das auch zu ermöglichen. In absoluten Zahlen gesprochen rechnet das Innenministerium 2015 mit 82.500 Anträgen, das heißt hochgerechnet auf die Bevölkerung etwa 1:100, selbst wenn alle Anträge bewilligt würden. Die einzige Art, wie aus dieser Mengenlage ein Problem werden kann, ist, wenn der Großteil der Geflüchteten in den Wiener Bezirken sesshaft wird, in denen es bereits soziale Probleme gibt.