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"Nicht bei Arbeitsmarktprojekten sparen"

Von Bettina Figl

Politik

Die Grüne Behindertensprecherin Helene Jarmer erläutert im Interview mit der "Wiener Zeitung", wo für behinderte Menschen die Schwierigkeiten für den Eintritt in den Arbeitsmarkt liegen.


Wiener Zeitung:Woran glauben Sie liegt der Anstieg der Menschen in den Behindertenwerkstätten?Helene Jarmer: Erstens an den Budgetkürzungen im Bund und in den Ländern, die in den letzten Jahren ganz massiv Projekte betroffen haben, die Menschen mit intelletueller Behinderung oder Lernschwächen in den ersten Arbeitsmarkt integrieren wollten. Zweitens am ungebrochenen Ausbau von Werkstätten, die dann ja auch gefüllt werden müssen. Die Studie zeigt, dass die "Behindertenmilliarde" leider wenig den Menschen mit Behinderungen selbst zugute gekommen ist.

Wie wird der Zugang zum Arbeitsplatz erschwert?

Die Zugangsmöglichkeiten für Menschen mit erhöhtem Förderbedarf zum 1. Arbeitsmarkt ist in den letzten Jahren erschwert worden. Das Behinderteneinstellungsgesetz wird nicht eingehalten, da die Ausgleichstaxe, den die Betriebe zahlen müssen, wenn sie nicht die erforderliche Anzahl an Menschen mit Behinderungen anstellen,mit monatlich EUR 226,-(Stand 2011) für jede einzelne Person, die zu beschäftigen wäre,viel zu niedrig ist. Weil es viel zu wenig Projekte gibt, in denen Menschen mit intellektueller Behinderung, das sind jene Menschen, die hauptsächlich in den Werkstätten arbeiten, ausgebildet werden, um am ersten Arbeitsmarkt eine integrativen Job ausüben zu können. Arbeitgeber müssen motiviert werden, Menschen mit Behinderungen einzustellen

Was muss geschehen, damit Menschen nicht in Werkstätten sondern am Arbeitsmarkt integriert werden können?

Es muss bereits in der Schule beginnen - die Sonderschulen müssen abgebaut werden mithilfe eines Inklusionsfahrplanes muss ein inklusives Schulsystem für alle geschaffen werden.

Wichtig wäre es auch, die Schnittstelle zwischen Schule, Ausbildung und Beruf durchlässiger zu gestalten. die arbeitsmarktpolitischen Instrumente wie z.B. persönliche Assistenz oder Jobcoaching müssen evaluiert und bedarfsgerecht optimiert werden. Integrationsfachdienste für besondere Zielgruppen müssen weiter augebaut werden. Es darf nicht bei den Arbeitsmarktprojekten gespart werden, wie es in den letzten Jahren immer wieder bei Budgetkürzungen passiert ist. Arbeitgeber müssen motiviert werden, Menschen mit intellektuellen Behinderungen einzustellen, hier muss mit Role Models gearbeitet werden.

Wieso sind Werkstätten problematisch?

Weil sie nicht den Grundsätzen von Selbstbestimmung und Empowerment verpflichtet sind, sondern einem veralteten Fürsorgegedanken, weil die Beschäftigten außerhalb des Sozialsystems arbeiten, keine eigene Kranken-, Arbeitslosen- oder Pensionsversicherung haben, weil hier Menschen für ein "Taschengeld" arbeiten müssen. Die Eingliederung behinderter Menschen in den ersten Arbeitsmarkt ist eine der Grundvoraussetzungen für die Entfaltung der Persönlichkeit. Menschen mit einer Behinderung sollen eine Chance auf Teilhabe in der Gesellschaft und damit auch explizit am Arbeitsleben bekommen. Arbeit ist eine der Hauptgrundlagen für eine Lebensgestaltung in Eigenverantwortung und die Grundvoraussetzung für die Entfaltung der Persönlichkeit.