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Nicht das Jahr Putins

Von Gerhard Lechner

Analysen

Vor einem Jahr schien dem Kreml-Chef alles zu gelingen. Dann kam der Maidan.


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2013 war das Jahr des Wladimir Putin: Dass NSA-Aufdecker Edward Snowden ausgerechnet in Moskau Schutz suchte, konnte der russische Präsident sich ebenso gutschreiben wie den Umstand, dass er in letzter Minute einen Luftangriff des Westens auf den syrischen Präsidenten Bashar al-Assad verhinderte. Als es Putin Ende 2013 auch noch gelang, den ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowitsch dazu zu bewegen, das geplante Abkommen Kiews mit der EU auf Eis zu legen, sah Putin wie der große Sieger eines geopolitischen Wettstreits aus.

Ein Jahr später ist vom Sieger-Image nicht mehr viel übrig. Zwar hat Russland die Krim angegliedert und damit verhindert, dass das Schwarze Meer zu einem Nato-Binnenmeer wird. Ansonsten schuf die Machtdemonstration aber schwer lösbare Probleme: Das in weiten Teilen der Ukraine enge Verhältnis zum russischen "Brudervolk" scheint zerstört. Die Konkurrenzhaltung Moskaus zum Westen mündete in einen neuen Kalten Krieg, der Russland seines westlichen "Vektors" Europa beraubt und zu einer Art Juniorpartner Chinas machen könnte. Und zu den harten Wirtschaftssanktionen und den Kosten für die Krim könnte für Moskau mit dem von Kiew abtrünnigen Donbass ein weiterer Brocken kommen. Die veraltete Industrieregion bedarf einer dringenden Modernisierung, und das kostet Geld - Geld, das Moskau in Zeiten fallender Ölpreise nicht hat.

Umso bitterer für den Kreml, dass dem geopolitischen Widerpart USA scheinbar alles gelingt: In Kiew ist nun eine Regierung an der Macht, die den Nato-Beitritt des Landes forciert - ein für Russland mehr als bedrohliches Szenario. Dazu hat die Ukraine-Krise das durch den NSA-Skandal 2013 gestörte Verhältnis Europas zu den USA wieder gekittet. Während die Sanktionen sowohl Russland als auch die EU schwächen, könnten die USA in ihrem europäischen Konkurrenten einen Abnehmer für ihr Fracking-Gas finden. Gut möglich also, dass Wladimir Putin mit dem heutigen Wissen eine geschmeidigere Strategie für 2014 gewählt hätte.