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"Nicht die Besten werden Lehrer"

Von Heiner Boberski

Politik
Ulrike Greiner im Gespräch mit der "Wiener Zeitung": "Genau hinschauen!" Foto: kph

Lehrerleistungen bleiben unsichtbar. | Nicht Exzellenz, Quantität wird bezahlt. | Studium durch Titel "Bachelor" attraktiver. | Wien. An Österreichs größter Pädagogischer Hochschule (PH) ist man offen für die Kooperation mit der Universität betreffend Lehrerbildung. Ulrike Greiner, Rektorin der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule (KPH) in Wien, die über tausend Studierende in der Erstausbildung aufweist (und über 5000 Lehrer in der Fort- und Weiterbildung), gibt dem Buchautor Andreas Salcher ("Der talentierte Schüler und seine Feinde"), "ohne allen seinen Vorwürfen zustimmen zu wollen", darin Recht, dass die Qualität der Lehrer verbessert werden muss: "Derzeit haben wir keine Auslese der Besten, sondern eine Negativselektion."


Woran es krankt, erklärt Greiner, hierin mit Salcher einig, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" so: "Es gibt kaum einen Bereich, wo die Leistungen so heterogen sind wie im Bildungssystem, kaum einen Bereich, wo es zwischen Spitzenleistungen und tatsächlich unterdurchschnittlichen Leistungen so auseinanderklafft, wo aber auch die Belohnungen guter Leistungen derart gering und individuelle Karrierechancen so minimal ausfallen."

Diese Situation, so Greiner, werde "irgendwann das System möglicherweise zum Kippen bringen, weil ausgezeichnete, exzellente Lehrer irgendwann in die innere Emigration gehen". Andere Arbeitsfelder sind sicher auch wichtig, die Frage ist, wo die Kraft der Innovation dann hingeht. "Wenn mittel- bis langfristig das Umfeld nicht stimmt, keine individuelle Gestaltung des eigenen Arbeitsfeldes möglich ist, von der Direktion keine Motivation ausgeht, dann gibt es ein Abwandern von Kreativität und Leistung aus dem Schulsystem." Auch von den Pädagogischen Akademien seien Spitzenleute in Nischen geflüchtet und letztlich dem System nicht mehr zugute gekommen.

Reformdruck durch neue Akteure

Greiner vermisst eine wirkliche Analyse der Leistungen des heimischen Bildungssystems: "Es gibt kaum ein System, wo so viele Spitzenleistungen über längere Zeit unsichtbar bleiben, denn der Unterricht ist unsichtbar. Die Produkte sind nicht sichtbar, weil die Wirkungskette kompliziert ist. Als Direktor kennt man zwar die Leistungen, aber man kann es nicht lückenlos nachweisen. Man kann die Verantwortung immer schön verteilen. Was einen aber nicht hindern soll, trotzdem ganz genau hinzuschauen."

Für Greiner hat die Entwicklung gerade jetzt Chancen auf Reformen gebracht: "Es gibt neue Akteure auf dem Bildungsmarkt. Eltern engagieren sich und steuern den Erfolg von Schulen. Die Pisa-Studie erzeugt internationalen Druck. Internationale Leistungsvergleiche, die zum Teil auch fragwürdig sind, haben zumindest erreicht, dass man jetzt auf Qualität hinschaut. Man darf jetzt die Frage nach Lehrerbildung stellen und stellt sie umso schärfer, weil man sie in den letzten zwanzig Jahren nicht so wichtig genommen hat. Wir müssen wieder zu einer Bestauslese kommen, wie es Finnland tut. Keine PH in Österreich soll behaupten, dass sie eine Bestenauslese macht, bei uns macht man eine Negativselektion. Solange wir nicht für Exzellenz, sondern für Quantität bezahlt werden, und das ist so - wir werden für die Summe der Studierenden bezahlt mit unseren Werteinheitenbudget -, solange machen wir keine Bestenauslese."

Lehrer sei immer mehr ein geschützter Beruf geworden, sagt Greiner, oft sei es nur die zweite Wahl. "Wenn ich nicht Wissenschafter oder Künstler werden kann, dann werde ich halt Lehrer." Andere zum Lernen zu bringen, sei aber eine enorme Leistung, betont Greiner, die Persönlichkeitstests vor dem Studium ablehnt: "Das ist gefährlich, da kommen wir zum genormten Lehrer, der bestimmte Wunschmerkmale mitbringt. Wir wissen aber, dass es hervorragende individuelle Lehrerpersönlichkeiten gibt, die nicht einer bestimmten Norm entsprechen müssen."

Sie setzt auf eine sorgfältige Beobachtung der Kompetenzentwicklung der Studierenden während der dreijährigen Ausbildung, die nun mit dem Titel "Bachelor" abschließt und dadurch an Attraktivität gewonnen hat: "Die Zahl der Studienanfänger ist eindeutig gestiegen." Die Info-Tage der KPH im heurigen Frühjahr haben zu vielen Anmeldungen für das nächste Studienjahr geführt.

Die KPH ist ein europaweit einzigartiges Experiment, da hier mehrere christliche Kirchen in der Ausbildung von Pflichtschullehrern und Religionslehrern zusammenarbeiten. Zum Budget tragen in erster Linie die beteiligten Kirchen bei (katholische, evangelische, orthodoxe, orientalisch-orthodoxe und altkatholische Kirche). Das Lehrpersonal wird von der öffentlichen Hand finanziert. Die KPH hat von Anfang ihre Offenheit für Reformen im Schulwesen deklariert.

Noch in einem Punkt stimmt Rektorin Greiner Andreas Salcher zu: Talente sollten erkannt und, auch zur Hebung des Selbstvertrauens der Betreffenden, gefördert werden: "Es stimmt, dass das bei 30 Kindern schwierig ist, aber oft ist es eine Ausrede. Manche Grundschullehrer sind nicht fähig, das Denken von Kindern, das Lernen von Kindern, die Begabungen eines Kindes zu erkennen. Es fehlt ihnen die diagnostische Grundkompetenz. Man kriegt oft sehr pauschale Antworten, wenn man Lehrer über Kinder befragt: langsam, schnell, schön, hässlich, falsch, richtig - aber man schaut oft schon nicht, woran es liegen kann, wenn ein Kind zum Beispiel beim Dividieren immer den gleichen Fehler macht."

Greiner stellte fest, "dass die Lehrer schon von der Ausbildung her diese Präzision nicht haben". Ein Ziel der KPH sei daher: "Wir wollen genau hinschauen. Wenn in einem Schulpraxisbericht steht: ,Es war schön, nett, die Kinder waren lieb - dann sagen wir ,Nicht genügend."

Podiumsdiskussion "Was müssen Lehrer/innen heute können?" am 16. Mai 2008, 15.30 Uhr, Kirchliche Pädagogische Hochschule in Wien, Campus Strebersdorf, Mayerweckstraße 1, 1210 Wien.