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Nicht die Freiheit der Wahl

Von Alexandra Grass

Wissen
Medikamenten-Einfluss im Mutterleib kann zu Entwicklungsstörungen im Kindesalter führen.
© corbis

Krampfanfälle verursachen ein erhöhtes Sterberisiko - auch durch Suizid.


Wien. Epilepsiepatientinnen befinden sich beim Kinderwunsch quasi in einer Zwickmühle. Einerseits benötigen sie ihre Arznei zum eigenen Schutz, andererseits riskieren sie damit die Gesundheit ihres Nachwuchses - und das auch noch verspätet, wie eine Studie aus Skandinavien zeigt.

Dass Antiepileptika, also Medikamente gegen das Krampfleiden, während der Schwangerschaft eingenommen, der Kindesentwicklung schaden können, ist lange bekannt. Substanzen wie Valproinsäure, Lamotrigin oder Carbamazepin können zu massiven Fehlbildungen des Fötus führen, was sich großteils in Neuralrohrdefekten zeigt. Von der Gaumenspalte über den offenen Rücken bis hin zu Fehlentwicklungen des Gehirns. Aus dem Neuralrohr, der ersten Entwicklungsstufe des zentralen Nervensystems, entstehen das Rückenmark und das Gehirn.

Motorik und Sprache

Bei jenen Kindern, die während der Schwangerschaft Antiepileptika ausgesetzt waren, erhöhte sich nicht nur das Risiko für Fehlbildungen. Die Substanzen scheinen auch noch Jahre später die Entwicklung zu beeinflussen, berichtet Gyri Veiby vom Haukeland Universitätsklinikum im norwegischen Bergen im Fachblatt "Epilepsia". Die Studie zeigte motorische Einschränkungen, Sprachschwierigkeiten und Anzeichen autistischer Züge.

Von 1999 bis 2008 hatten Wissenschafter Kinder aus der "Norwegian Mother and Child Cohort Study" untersucht. 333 der knapp 45.000 in der Studie beobachteten Kinder waren in der Gebärmutter Antiepileptika ausgesetzt. Auch 36 Monate nach der Geburt war zu erkennen, dass die Kinder insbesondere in den Bereichen Motorik und Sprache Entwicklungsdefizite aufzeigten.

Erst Anfang des Jahres hatte eine US-Studie gezeigt, dass der IQ von Kindern mit Einfluss des Wirkstoffs Valproinsäure während der Schwangerschaft bis ins Schulalter leidet.

Vor allem für Epilepsiepatientinnen ist es daher immens wichtig, geplant in eine Schwangerschaft zu gehen, betont der Gynäkologie Herbert Kiss von der Uniklinik für Frauenheilkunde. Durch intensive Zusammenarbeit zwischen Gynäkologen und Neurologen kann die angehende Schwangere optimal betreut werden. Denn "man hat keine Wahl, nichts zu nehmen", betont Kiss. Entscheidend sei auch, Antiepileptika zu wählen, über die eine langjährige Erfahrung besteht, mit der geringstmöglichen Dosis. Oftmals ist es auch nötig, auf ein anderes Mittel umzusteigen.

Die Einnahme von Folsäure schon vor der Schwangerschaft stellt, wie auch bei gesunden Frauen mit Kinderwunsch, eine wichtige Säule in der Versorgung dar, um das Risiko für einen Neuralrohrdefekt zu minimieren. Die Studienautoren fordern mehr Forschung, um die Langzeiteffekte von Antiepileptika für die Kinder abschätzen zu können.

Lebenserwartung reduziert

Eine Langzeitstudie in Schweden zeigt außerdem, dass Epilepsie die Lebenserwartung um einiges senken kann. Demnach sterben Betroffene mehr als zehnmal so häufig vor ihrem 56. Geburtstag. Wobei nicht nur Unfälle zu den Ursachen zählen, sondern auch Suizid. So hatten drei Viertel der Betroffenen eine psychiatrische Diagnose, wie etwa Depression oder Angststörung, berichten Forscher der Universität Oxford im Fachblatt "The Lancet".

Sie untersuchten Daten von 70.000 Epileptikern, die in Schweden zwischen 1954 und 2009 zur Welt kamen, bis zum Alter von 56 Jahren und verglichen die Daten mit jenen von etwa 660.000 vergleichbaren anderen Schweden.

Fast neun Prozent der Teilnehmer mit Epilepsie, aber nur 0,7 Prozent aus der Vergleichsgruppe starben im Studienzeitraum. Kritisiert wird von den Autoren, dass Epilepsie oft nur von Neurologen behandelt werde. Die Studie zeige, dass auch Psychiater und Suchtberater in die Versorgung miteinbezogen werden sollten.