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Nicht heute und nicht morgen

Von Walter Hämmerle

Leitartikel

Achtung, der Konsum von Nachrichten kann Ihre Gesundheit beeinträchtigen.

Viel fehlt tatsächlich nicht mehr, und Personen mit angeschlagenem Nervenkostüm ist von aktuellem Medienkonsum abzuraten. Schließlich perlen in Permanenz ausgebreitete Horrorszenarien das eigene Geld betreffend nicht an jedem Mitbürger einfach so ab.

Vielleicht ist jetzt der Moment gekommen, an dem man sich daran erinnern sollte, dass die EU noch aus jeder ihrer zahlreichen Krisen gestärkt hervorgegangen ist. An fest vorgenommene Pläne und Regeln haben sich die Verantwortlichen dabei allerdings nur selten gehalten. Europas Integrationsprozess ist der lebendige Beweis für den unendlichen Einfallsreichtum seiner Ingenieure, wenn es darum ging, Lösungen aus scheinbar heillos verfahrenen Situationen zu finden. Nicht einmal vor Eingriffen in die physikalischen Gesetze des Weltenlaufs schreckte man da zurück - zur Not wurde dann und wann eben einfach die Zeit angehalten, wenn sich die Staatschefs nicht an ihren eigenen Zeitplan halten konnten.

Aus diesem Grund spricht viel dafür, dass Europa auch aus dieser, seiner bisher härtesten Belastungsprobe einen Ausweg findet. Nicht heute und nicht morgen, und schon gar nicht mit Glanz und Gloria, sondern mühsam, Schritt für Schritt, und unter erheblichen Schmerzen für alle Beteiligten.

Und im Zuge dieser zähen, hartleibigen Kraftanstrengung müssen einige äußerst unangenehme, aber unerlässliche Antworten gefunden werden. Etwa auf die Frage, wie viel Differenz die künftige Union zu ertragen bereit und willig ist.

Sollen künftig auch Griechen, Spanier und Portugiesen wie Deutsche, Österreicher oder Holländer leben und arbeiten? Wenn ja, was bedeutet das für die kulturelle Heterogenität des Kontinents, die doch eigentlich als größter Trumpf neben dem gemeinsamen Markt betrachtet wird? Wenn nein, wie spiegelt sich diese Akzeptanz nationaler Eigenheiten und Sonderwege in der nun angestrebten noch engeren politischen und fiskalischen Integration wider?

Für den Moment benötigt der Süden dringend Hilfe, der Norden Gewissheit, nicht auf Dauer Geld in ein Fass ohne Boden zu pumpen. Anschließend stehen die unterschiedlichen Lebensentwürfe Europas zur Debatte. Deren Ausgang ist alles andere als fix.