Nicht immer ist am Ende Schluss

Von Matthias Greuling

Das klassische Insert "The End" gibt es seit der Stummfilmzeit.
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"Die Unverzichtbaren": Ein fiktiver Thriller über das Ende der "Wiener Zeitung" und einen blinden Luftballonverkäufer.


Am Anfang ist diese weiße Seite. Und es fiel noch nie so schwer, sie vollzuschreiben, wie in diesem Moment. Denn: Es ist das letzte Mal.

Schreibblockaden kennen auch Drehbuchautoren. Weshalb sie praktischerweise in Teams arbeiten, um sich die Ideenbälle zuzuspielen. Ich tu’ jetzt so, als hätte ich noch einen Co-Writer am Tisch sitzen. Wir entwickeln nun ein Drehbuch für einen Film über die "Wiener Zeitung". Es könnte ein Thriller in der Medienszene werden. Oder eine Persiflage derselben. Es könnte aber auch gleich eine ganze Serie daraus werden. Arbeitstitel: "Die Unverzichtbaren".

Jeder Film besteht aus einem Anfang, einer Mitte und einem Schluss. Dieses klassische Drei-Akte-Schema hat sich in der filmischen Erzählung früh etabliert, sowie einige Standards in der Filmdramaturgie: Etwa, dass ein 120 Seiten starkes Drehbuch einen 120 Minuten langen Film ergibt (1 Seite = 1 Minute). Nach rund 30 Minuten endet der erste Akt mit einem Wendepunkt (Plot Point), der die soeben eingeführten Figuren vor ein unlösbares Problem stellt. Dann beginnt der zweite Akt. In diesem versuchen die Figuren, das Problem irgendwie zu lösen, aber die Hindernisse werden immer größer. Kurz vor dem Finale, als doch alles gut zu werden scheint, wirft ein zweiter Plot Point (auf Drehbuchseite 90) wieder alles über den Haufen. Sie können das mitstoppen: Das Schema wird in 99 Prozent aller Kinospielfilme genau so eingehalten.

Drei Akte bis zum Ende

Ein Film über die "Wiener Zeitung" könnte also wie folgt aussehen: Im einleitenden ersten Akt werden der Chefredakteur und seine Mitarbeiter eingeführt. Wir sehen das Team bei der täglichen Arbeit, da ereilt die Redaktion nach 30 Filmminuten die Hiobsbotschaft: Die "Wiener Zeitung" soll eingestellt werden! An diesem Punkt beginnt der zweite Akt: Die Redaktion rüstet sich für einen Kampf gegen die Einstellungspläne. Man versucht, prominente Unterstützer zu gewinnen, die Hoffnung lebt, denn vorerst werden die Pläne hintangestellt. Aber dunkle Kräfte im Staat bereiten weiterhin die Abschaffung der Zeitung vor. Bei der alles entscheidenden Abstimmung im Parlament kommt es (Plot Point 2) zu keinem Wunder, sondern das Aus der Zeitung wird besiegelt. Im dritten und letzten Akt schreiben die Drehbuchautoren nun noch auf, wie die Redaktion trotz der Ausweglosigkeit doch noch erhobenen Hauptes vom Feld ziehen will. Die Journalisten planen, wie sie diese allerletzte Ausgabe zusammenstellen, während die Geschäftsführung dutzende Dienstverträge "einvernehmlich" auflöst. Das Schiff sinkt, es ist wie auf der "Titanic": Die Musik spielt bis zum Schluss. Die Journalisten arbeiten mit Hochdruck an der letzten Ausgabe, an ihrem Vermächtnis. Dann wird es still in den Gängen.

Zum letzten Mal laufen in der Druckerei die Maschinen an, nach 320 erfüllenden Jahren. Während die Zeitung vom Band läuft und dem Vertrieb übergeben wird, feiert die nunmehr arbeitslose Redaktion ein letztes Trauerfest in den Hallen von St. Marx. Die Kamera bewegt sich rückwärts aus dem Raum, steigt in luftige Höhen und zeigt einen blutroten Sonnenuntergang über Wien. Ende.

Wir, mein imaginärer Co-Autor und ich, sind mit der Geschichte fertig, aber noch nicht zufrieden. Wir brauchen noch einen Hoffnungsschimmer, einen Cliffhanger, der uns an ein Sequel glauben lässt. Darin ist die Filmindustrie besonders meisterhaft: Den Zuschauern die Hoffnung auf eine neue, weitere Staffel oder eine Fortsetzung zu geben. Oft perfide, wenn Serienstaffeln trotz dieser Cliffhanger dann doch keine Fortsetzung erhalten.

In unserem Film "Die Unverzichtbaren" bauen wir deshalb ein paar Hoffnungsmomente ein: Zum Beispiel behaupten wir, die Grünen haben sich die Zustimmung zum WZ-Gesetz abkaufen lassen, weil sie ihrerseits eine Zusage für Tempo 100 auf der Autobahn von der ÖVP erhalten haben. Als man den Grünen dafür von Türkis den Vogel zeigt, überlegen sie kurz, die Abstimmung zu boykottieren. Hochspannung im Parlament! Aber leider...

Nehammer: "Stoppt den Druck!"

Wir verwerfen die Idee. Eine neue poppt auf: Gerade, als die letzte "Wiener Zeitung" durch die Druckerpresse läuft, läutet dort das Telefon und der Bundeskanzler höchstselbst ist am Apparat. Er stammelt peinlich berührt: "Stoppen Sie den Druck, es ist ein Malheur passiert! Bei der Abstimmung im Parlament sind die Stimmzettel vertauscht worden und das Ergebnis ist ungültig! Es gibt kein WZ-Gesetz!"

Das erscheint uns - trotz allen Realitätsbezugs - dann doch für zu unrealistisch und zu dramatisch. Vielleicht gehen wir da lieber den Weg des europäischen Kinos: Wir lassen das Ende einfach offen und führen stattdessen schon sehr früh im Film einen blinden Luftballonverkäufer ein, der im Prater bunte Helium-Ballons verkauft. Er taucht im Verlauf des Films immer wieder auf, die Farben seiner Ballons werden aber eintöniger, bald gibt es nur mehr grüne und schwarze. Der Verkäufer wird unsere Metapher, wie man mit Kurzsichtigkeit (Kurz-Sichtigkeit?) Stück für Stück das heimische Mediensystem von der Vielfalt "wegtransformiert" in eine einfärbige Zukunft. Blinde können mit Farben nichts anfangen, es dürfte also kaum auffallen.

Und dann, ganz am Ende, geben wir den Zuschauern eine mehrdeutige Message mit auf den Weg, man verlässt das Kino nachdenklich. Da sehen wir, wie der blinde Luftballonverkäufer alle seine grün-schwarzen Ballons von seinem Stand losmacht, sie mit einer Handbewegung in den Himmel steigen lässt und den Kopf lachend nach oben hebt, als würde er ihnen nachblicken.

Diesen Artikel finden Sie in Printform - ein letztes Mal - am 30.6. in Ihrer "Wiener Zeitung".