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Nicht immer sind die Spekulanten schuld

Von Christian Ortner

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Christian Ortner.

Wenn der Staat erzwingt, dass aus Nahrungsmitteln Sprit gemacht wird, steigen die Nahrungsmittelpreise. Mit Spekulation hat das wenig zu tun.


Es gibt vermutlich - angesichts weltweit explodierender Preise von vielen Grundnahrungsmitteln - derzeit kaum ein zweites Geschäft, das so übel beleumundet ist wie die Spekulation auf steigende oder fallende Preise von Getreide, Reis oder Soja. Gegen die Zocker auf diesen Rohstoffmärkten sind für viele Menschen sogar tschetschenische Berufskiller vergleichsweise seriöse Geschäftsleute.

Dass diese Woche sogar mehrere österreichische Banken freiwillig darauf verzichteten, künftig Finanzinstrumente anzubieten, die derartige Geschäfte auch einem breiteren Publikum ermöglichen, zeigt, wie verpönt diese mittlerweile sind. Darin sind sich von der Caritas bis zum linken Rand der Sozialdemokratie, von Attac bis ins bürgerlich-katholische Milieu alle einig, die Spekulation grundsätzlich für verwerflich und entbehrlich halten.

Was freilich passierte, würden derartige Geschäfte tatsächlich verboten, deutete jüngst in einem aufschlussreichen Nebensatz der ehemalige Nestlé-Boss Peter Brabeck-Lemanthe an. Dass Nestlé heuer trotz stark steigender Rohstoffkosten die Preise seiner Nahrungsmittel einigermaßen stabil halten konnte, erklärte er nämlich damit, dass sich der Konzern gegen steigende Preise "gehedged", also gleichsam versichert habe.

Das aber funktioniert natürlich nur, wenn Nestlé Marktteilnehmer findet, die derartige Geschäfte abschließen und auf andere Preiserwartungen wetten, als Nestlé sie hat. Man nennt diese Marktteilnehmer üblicherweise Spekulanten - ohne sie könnte kein Unternehmen seinen Kunden derartige Preisexplosionen ersparen, wie sie derzeit die Nahrungsmittelmärkte erfahren.

Nach dem gleichen Prinzip versichern sich (und indirekt eben auch die jeweiligen Kunden) natürlich auch andere Branchen gegen allzu stark steigende Rohstoffkosten: Auch Airlines "hedgen" sich in der Regel gegen extreme Preisschübe bei Kerosin, um die Ticketpreise zumindest halbwegs stabil halten zu können. Auch sie benötigen dazu natürlich Spekulanten, mit denen sie entsprechende Wetten auf den Kerosinpreis abschließen können.

Wer meint, die Welt zu einem besseren Platz zu machen, indem Spekulation mit notwendigen Rohstoffen verboten wird, irrt daher: Denn dann müssten etwa jetzt viele Anbieter von Nahrungsmitteln aus Getreide die Preise viel schneller und brutaler anheben, als dies beim Einsatz entsprechender spekulativer Finanzinstrumente der Fall ist.

Zwischen diesen evident nützlichen und allfälligen anderen Formen der Spekulation zu unterscheiden, ist nicht möglich: Wer das eine will, kann das andere daher nicht gut verbieten.

Es sind also, entgegen dem ersten Anschein, nicht nur entfesselte Märkte, die das tägliche Brot so verteuern, sondern in erheblichem Maß auch törichte staatliche Markteingriffe. Vor allem die in den USA wie in Europa vom Staat erzwungene missbräuchliche Umwandlung von menschlichen Nahrungsmitteln zu Sprit (wie E10) verteuert agrarische Rohstoffe erheblich.

Staatsversagen, nicht böse Spekulanten sind die wesentliche Ursache dieser Misere.

ortner@wienerzeitung.at