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Nicht jeder lernt aus Fehlern

Von Richard E. Schneider

Wissen

Genetische Veranlagung entscheidet über Lernfähigkeit. | Entstehung von Sucht durch geringe Sensibilität. | Tübingen. Für das neue Jahr haben sich viele Menschen vorgenommen, es diesmal besser zu machen. Doch wie weit können Menschen aus Fehlern lernen und welche Rolle spielt hierbei die Genetik?


Max-Planck-Kognitionswissenschafter aus Leipzig, Neurologen aus Köln sowie Forscher der Unis Bonn und Gießen stellten kürzlich fest, dass eine mehr oder weniger hohe Rezeptorendichte für den Botenstoff Dopamin im Gehirn auf die Fähigkeit des betreffenden Menschen hinweist, aus negativem Feedback, d.h. aus Fehlern zu lernen. Bereits der Austausch eines Basenpaars des Gens, das für den Dopamin-Rezeptor kodiert, verändert diese spezifische Eigenschaft des Menschen erheblich.

Die Wissenschafter führten Testreihen mit Probanden durch, die in ihrem Gehirn eine unterschiedlich hohe Rezeptorendichte für Dopamin-D2 aufwiesen. Die Versuchspersonen sollten in Experimenten zwischen verschiedenen Symbolen unterscheiden lernen, die entweder mit Belohnungen oder aber auch mit Nicht-Belohnung verbunden waren. Es zeigte sich, dass die Lerngruppe mit der Gen-Variante A1+ und generell verringerter Rezeptorendichte deutlich weniger aus negativem Feedback lernte als die zweite Gruppe A1mit normaler Dopamin-Rezeptorenzahl. Das Lernverhalten aus positivem Feedback blieb hingegen gleich.

Zusammenspiel mit dem Hippokampus

Den objektiv festgestellten Unterschied bei der Auswahl von Symbolpaaren für positives Verhalten entsprachen die Nachprüfungen der Kognitionswissenschafter mittels fMRT (funktionelle Magnetresonanz-Tomografie). "Die A1+-Gruppe zeigte eine geringere Reaktivität im posterioren, medialen, frontalen Kortex auf negative Rückmeldungen", berichtet Tilman Alexander Klein, Leipzig.

Erstmals konnte sein Wissenschafter-Team auch ein funktionelles Zusammenspiel dieses Hirnareals mit dem Hippokampus nachweisen. Der Hippokampus ist der Ort im Gehirn für das Lernen. "Bei den Probanden der A1+-Gruppe war dieses Zusammenspiel schwächer ausgeprägt", untermauert er seine Beobachtungen.

Außerdem analysierten die Wissenschafter das Sicherheitsgefühl der Probanden bei ihren Entscheidungen. Und auch hier zeigte sich eine deutlich größere Unsicherheit der Probandengruppe mit geringerer Dopamin-D2-Rezeptorendichte. Für Klein ist die geringere Sensibilität auf negatives Feedback möglicherweise "ein Hinweis auf einen neurobiologischen Mechanismus, der die Entstehung und Entwicklung von Sucht und anderem selbstschädigendem Verhalten begünstigt."

Der kleine genetische Unterschied im Dopamin-Rezeptoren-Gen könnte also dramatische Folgen nach sich ziehen. Doch auch nicht-suchtgefährdete Menschen können sich im neuen Jahr einer intellektuellen Nachprüfung ihres Verhaltens im vergangenen Jahr unterziehen und selbst feststellen, ob sie aus einmal gemachten Fehlern gelernt haben.