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Nicht leiwand

Von Marina Delcheva und Karl Leban

Wirtschaft

Die Auswirkungen des Brexit auf Österreich dürften sich in Grenzen halten. Die Börse war dennoch auf Talfahrt.


Wien. Auch in Österreich ist man ob des Brexit not amused. Etwas mehr als die Hälfte der Briten, 52 Prozent, wollen aus der EU austreten. Wann und unter welchen Bedingungen, ist am Tag nach dem Referendum freilich noch unklar. Der Austritt der Briten hat zweifellos folgenschwere Auswirkungen auf die EU als Einheit und schwächt deren Position auf dem Weltmarkt. Die unmittelbaren wirtschaftlichen und politischen Folgen für Österreich dürften unangenehm, aber nicht dramatisch sein, schätzen Experten.

Auswirkungen auf die österreichische Konjunktur hat der Brexit zweifellos. In welchem Ausmaß er das heimische Wirtschaftswachstum künftig dämpft, darüber ist man sich in Fachkreisen aber uneinig. Geht es nach den Experten des Wifo, des Instituts für Höhere Studien (IHS) und der Industriellenvereinigung, werden die Auswirkungen "kaum wahrnehmbar" sein. Wifo und IHS halten daher an ihrer erst am Donnerstag veröffentlichten Wachstumsprognose für 2017 fest, die somit weiterhin auf 1,7 respektive 1,5 Prozent lautet. Anders die Bank Austria: Sie kündigte am Freitag an, ihre Prognose von 1,5 auf zumindest 1,0 Prozent zurücknehmen zu müssen. Großbritannien sei für Österreich immerhin der achtwichtigste Exportmarkt. Sollte das Pfund gegenüber dem Euro auf tiefem Niveau verharren (Importe für UK wären dann teurer), würde das österreichische Exportgeschäft darunter leiden. Indirekte Effekte wären dabei auch über große heimische Handelspartner wie Deutschland und Frankreich, aber auch über die osteuropäischen Länder möglich. Den Ökonomen der Bank Austria zufolge hängen 1,5 Prozent des österreichischen Bruttoinlandsprodukts an den Ausfuhren ins Vereinigte Königreich. Indes prüft die Nationalbank noch, ob sie ihre bisherige Wachstumsprognose von 1,5 Prozent für 2017 an das Brexit-Szenario anpassen soll oder nicht.

So wie viele Aktienbörsen rund um den Erdball kam am Freitag auch die Wiener Börse massiv unter die Räder. Mehr als sieben Prozent stürzte der ATX ab. Finanztitel wie Erste Group und Raiffeisen Bank International erwischte es dabei besonders stark. Europaweit waren Bankaktien die größten Verlierer, weil noch völlig unklar ist, welche Bank in welchem Ausmaß von den ebenfalls noch unklaren mittelfristigen Auswirkungen des Brexit betroffen sein wird.

Für österreichische Banken geben Branchenexperten jedoch Entwarnung. Diese würden vom Brexit nur insofern betroffen sein, als das schwächere Wirtschaftswachstum in Österreich ihr Kreditgeschäft schmälern werde. Eine "zusätzliche Problematik" durch den Austritt Großbritanniens aus der EU wird für die österreichischen Finanzinstitute nicht gesehen. Wie es heißt, drohen auch keine Verwerfungen am Interbankenmarkt wie seinerzeit in der Finanzkrise, da die Zentralbanken europaweit Gewehr bei Fuß stehen - mit allfälligen Liquiditätshilfen.

"Die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt sind derzeit schwer abschätzbar, weil die Welt nach dem Brexit nicht durchformuliert ist", sagt Thomas Url vom Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo). Wenn Großbritannien jenen EU-Bürgern, die aktuell im Land Arbeiten, die Arbeitserlaubnis nicht entzieht, sie also weiterhin dort arbeiten dürfen, ändert sich wohl wenig. Wenn alle EU-Bürger den Status von Drittstaatsangehörigen bekommen und keine automatische Arbeitserlaubnis mehr haben, dürfte einiges in Bewegung kommen, in der EU und in Österreich.

Derzeit leben laut Außenministerium rund 25.000 Österreicher in Großbritannien, der Großteil von ihnen arbeitet dort. Doch auch im Fall gröberer Umwälzungen am britischen Arbeitsmarkt, wären Österreicher laut Url wohl weniger als andere betroffen. "Die meisten von ihnen arbeiten in hoch qualifizierten Positionen." In solchen Fällen gäbe es meist eine Reihe von Sonderregelungen und das sind auch jene Branchen, in denen schwer Ersatz zu finden ist. So seien heimische Banker oft als Experten für Osteuropa nach Großbritannien geholt worden.

Betroffen wären vor allem die zahlreichen Arbeitnehmer im Niedriglohnsektor aus den neuen EU-Mitgliedstaaten. Diese könnten nun verstärkt in andere EU-Länder - auch nach Österreich - ausweichen, wenn sich die Arbeitsbedingungen in Großbritannien für sie zum Negativen ändern. Auch Studierende könnte der Brexit hart treffen. Als EU-Bürger zahlen Österreicher, die in Großbritannien studieren, die gleichen Studiengebühren wie Briten. Nach dem Austritt erlangen sie allerdings den Status von Drittstaatsangehörigen, die derzeit deutlich höhere Gebühren an den britischen Unis zahlen. Laut dem Österreichischen Austauschdienst studieren derzeit rund 450 Österreicher dort. In Österreich leben 10.000 Briten. Ihr Status am heimischen und am EU-Arbeitsmarkt ist gänzlich offen.

Dass es nach Großbritanniens EU-Austritt wieder jeweils Importzölle geben könnte (also in den EU-Ländern sowie im Vereinigten Königreich), ist laut Experten der Wirtschaftskammer nicht ausgeschlossen. "Draußen ist draußen." Ob wieder Zölle eingeführt werden, sei allerdings von den nun anstehenden Austrittsverhandlungen abhängig. Im Fall von Zöllen würden etwa Online-Bestellungen in Großbritannien für Konsumenten in der EU teurer und umgekehrt.

Finanzminister Hans Jörg Schelling rechnet jedenfalls mit einem Handelsabkommen ähnlich jenem der EU mit der Schweiz. Indes wird ein Freihandelsabkommen wohl kaum für Großbritannien durchsetzbar sein.

Wenn die EU-Vertreter ihre Drohung, "Out is out", wahrnehmen, dann dürfte die Reisefreiheit von Briten und nach Großbritannien deutlich eingeschränkt werden. Zumindest so lange, bis neue Bedingungen verhandelt sind. Für den heimischen Tourismus dürfte das überschaubare Folgen haben. Im Vorjahr machten rund 800.000 Briten Urlaub in Österreich. Sie sind mit 3,5 Millionen von insgesamt 135 Millionen Nächtigungen die fünftgrößte Urlaubergruppe.

Für sie könnte der Urlaub hierzulande deutlich teurer werden, weil das Pfund nach der Brexit-Verkündung massiv eingebrochen ist. "Da sind sehr viele Skifahrer dabei und Skifahren war noch nie besonders billig. Aber ja, es könnte da und dort Rückgänge geben", sagt Felix König, Obmann des Fachverbands Reisebüros in der Wirtschaftskammer. Für Österreicher wird die Reise nach London billiger.

"Wenn eines der größten Länder der Europäischen Union aus der Europäischen Union austritt, dann ist das natürlich etwas, wo in Europa kein Stein auf dem anderen bleiben wird", kommentierte Außenminister Sebastian Kurz im Ö1-Morgenjournal den Austritt.

Auch der Chef der Voestalpine, Wolfgang Eder, zeigt sich in einer Aussendung enttäuscht über den Austritt. "Europas Zukunft kann nicht in einem neuen Nationalismus liegen." Er mahnt Reformen ein und warnt vor nationalistischen Tendenzen und einem Dominoeffekt hierzulande. Bisher gehörte Großbritannien zu jenen Ländern, die verhältnismäßig viel in den gemeinsamen EU-Topf einzahlten, nämlich fünf Milliarden Euro jährlich. Sollten sie die Union verlassen, dann wird deren Beitrag auf die übrigen 27 EU-Staaten aufgeteilt. Österreich könnte das laut Experten 150 Millionen Euro zusätzlich pro Jahr kosten.

6

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Politische
Beziehungen

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1

5

Heimische Wirtschaft und Wirtschaftswachstum

Einfuhr von Waren

und Zölle

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Tourismus

Wiener Börse und

österreichische Banken

Arbeitsmarkt und
Studium