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Nicht nur das Private, auch das Wetter ist politisch

Von WZ-Korrespondent Klaus Stimeder

Analysen

Hurrikan "Sandy" hat massive Auswirkungen auf US-Wahlkampf.


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Katastrophenhilfe von der Regierung? Aufräumarbeiten auf Kosten der Steuerzahler des Mittleren Westens? Die Unterbringung von obdachlos gewordenen Flutopfern nicht Washingtons Verantwortung, sondern allein die der betroffenen Bundesstaaten?

"Speed kills" lautet eine der ältesten und banalsten Spindoktor-Weisheiten; je schneller und verlässlicher ein Kandidat ein Ereignis, das sich politisch instrumentalisieren lässt, als solches erkennt und kommentiert, umso höher seine Chancen, gewählt zu werden. Angesichts von Hurrikan "Sandy", dessen Vorläufer am Montagmorgen über die östliche Landmasse der Vereinigten Staaten hereinbrachen, zirkulierten zuerst in den diversen sozialen Netzwerken und dann plötzlich ganz schnell in den großen Medienhäusern des Landes die ersten Analysen über die politischen Auswirkungen des großen Sturms: Am kommenden Dienstag stehen Präsidentschafts- und Kongresswahlen an. Noch bevor in New York und in der Hauptstadt die ersten Tropfen gefallen waren, sahen sich dementsprechend Amtsinhaber wie Herausforderer unter Druck, und das nicht nur, weil Barack Obama und Mitt Romney diverse Wahlkampfveranstaltungen absagen mussten. Noch ist es zu früh für eine Einschätzung der politischen Auswirkungen von "Sandy". Aber nachdem eine Naturkatastrophe immer auch eine Chance darstellt, sich als verantwortungsvoller Landesvater zu verkaufen, hat der Amtsinhaber bisher die Nase leicht vorn. Im Rahmen der parteiinternen Vorwahlen der Republikaner hatte Romney bekundet, dass die Kassen der für die Katastrophenhilfe zuständigen Bundesorganisation Fema (Federal Emergency Management Agency) leer seien und laut über die Privatisierung derartiger Dienstleistungen nachgedacht. Eine Haltung, die er heute - wie so vieles andere - relativiert. Relativieren muss, lautet die einhellige Meinung der politischen Kommentatoren, schickt sich "Sandy" doch an, diese Woche auch über Swing States hinwegzufegen, allen voran über das heftig umkämpfte Virginia.

Die Angst, dass dem meteorologischen Umschwung auch ein politischer folgen könnte, sitzt beiden Lagern in den Knochen. Angesichts dessen, was sich da über dem Atlantik zusammenbraute, scheint das nicht wirklich übertrieben. Winde von bis zu 150 Stundenkilometer sollen die Metropolen der Ostküste durchschütteln. Wassermassen, die von Richmond bis Boston weit gen Inland schwappen könnten. Kein Gouverneur und kein Bürgermeister kann es sich seit dem Wochenende mehr leisten, die Warnungen des National Hurricane Centers zu ignorieren.

New York City, mit rund 8,3 Millionen Einwohnern die größte Stadt des Landes, kam im Laufe des Montags weitgehend zum Stillstand. Stadtvorsteher Michael Bloomberg hatte schon am Sonntag die Stilllegung des öffentlichen Verkehrs angeordnet, das Problem mit den zahllosen auf den Straßen herumstehenden Gratisblätterboxen und Mülltonnen harrte indes noch einer Lösung. Wovor sich New York besonders fürchtet, ist aber nicht unbedingt der Wind, sondern das Wasser. Manhattan ist von nämlichem umgeben, jene 300.000 Menschen, die unmittelbar an ihm leben, wurden Montagmorgen noch einmal unmissverständlich aufgefordert, ihre Wohnungen zu verlassen und Schutz in auf höherem Gelände gelegenen Hotels oder in den eigens eingerichteten Notunterkünften zu suchen. Auch wenn nicht wenige daheim blieben - im vergangenen Jahr hatte der Hurrikan Irene für eine ähnliche Situation gesorgt, die Schäden hatten sich indes in Grenzen gehalten -, setzte sich am Montag die Erkenntnis durch, dass man im Stadtinneren vielleicht doch besser aufgehoben wäre. Wie groß die Schäden auch immer sind, ändert nichts an der Tatsache, dass am Dienstag die Bürger landesweit an die Wahlautomaten gerufen werden, um entweder die Amtszeit von Barack Obama zu verlängern oder die von Mitt Romney einzuläuten. Der Ausgang dieses Rennens - nach den aktuellsten Umfragen ist noch immer alles möglich - hängt nun auch davon ab, wie hoch die Wellen gestiegen und wie stark der Wind geblasen hat. Frei nach Hannah Arendt: Nicht nur das Private, auch das Wetter ist politisch.