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Nicht nur Problem der "Software"

Von Rudolf Grimm

Wissen

Misshandelte oder sexuell missbrauchte Kinder können bleibende Schäden in der Struktur und Funktion ihres Gehirns davontragen. Das zeigen Untersuchungen verschiedener Forschergruppen, über die der Psychiater Martin H. Teicher (Belmont/Massachusetts) in der Juli-Ausgabe der Zeitschrift "Spektrum der Wissenschaft" (Heidelberg) berichtet.


Bis vor kurzem glaubten Fachleute, dass emotionale und soziale Schwierigkeiten im Gefolge von Misshandlungen im Kindesalter hauptsächlich psychologische Ursachen hätten. Forscher hielten die Schädigung im Grunde für ein "Software"-Problem.

Doch in den vergangenen Jahren haben Experimente und bildgebende Verfahren der Hirnforschung gezeigt, dass wiederholte extreme Furcht- und Schmerzerlebnisse in einer Lebensphase, in der das Gehirn durch neue Erfahrungen entscheidend physisch geprägt wird, auch die Entwicklung des limbischen Systems stören können.

Das limbische System ist eine Ansammlung miteinander verbundener Hirnkerne oder neuronaler Zentren, die eine entscheidende Rolle bei der Steuerung von Emotionen und Gedächtnis spielen. Zwei Strukturen im Schläfenlappen haben dabei eine wichtige Funktion: der Hippocampus und die Amygdala. Folgen von Misshandlungen zeigten sich besonders in der linken Hirnhälfte.

Bei Verhaltensstörungen infolge von traumatischen Kindheitserfahrungen spielt offenbar eine Übererregbarkeit des limbischen Systems eine entscheidende Rolle. Sie kann Symptome von Aggression, Verbitterung und Angst erzeugen. Ungewöhnliche EEG (Elektroenzephalogramm)-Aktivität im Schläfenlappen zeigt sich häufig auch bei Psychiatrie-Patienten mit stark erhöhtem Suizidrisiko und selbstzerstörerischem Verhalten.

Ein mit früher Misshandlung eng verbundenes Erscheinungsbild ist die "Borderline-Persönlichkeitsstörung". Solche Patienten haben ein instabiles Verhältnis zu ihren Mitmenschen. Insgesamt legen die Befunde - wie Teicher schreibt - ein Modell dafür nahe, wie eine solche Störung entstehen kann: Die Integration der Hirnhälften ist unzureichend, und der so genannte Balken, die wichtigste Verbindung zwischen den Hemisphären, ist verkleinert. "... einseitige Hemisphärendominanz könnte einen Menschen veranlassen, Freunde, Familie und Mitarbeiter abwechselnd übertrieben positiv und überwiegend negativ zu sehen - ein typisches Kennzeichen dieser Störung", bemerkt der Psychiater.

Untersuchungen mit der so genannten EEG-Kohärenztechnik brachten besonders aufschlussreiche Ergebnisse. Diese Methode gibt ein detailliertes Bild von der Verdrahtung und Verschaltung des Gehirns. Es zeigte sich, dass bei stark misshandelten oder sexuell missbrauchten Patienten die rechte Hirnhälfte genau so entwickelt war wie bei den gesunden Kontrollpersonen, aber ihre linke Hälfte deutlich schlechter.

Mittels Kernspintomographie konnten Untersuchungen einen Zusammenhang zwischen Misshandlung als Kind und einer Verkleinerung des Hippocampus nachweisen. Auch die Amygdala war manchmal kleiner als normal. Eine Untersuchung mit missbrauchten Menschen, die an einer so genannten posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) litten, zeigte, dass der linke Hippocampus im Mittel zwölf Prozent kleiner als bei den gesunden Kontrollpersonen war, aber der rechte normale Größe hatte. Angesichts der Bedeutung des Hippocampus für das Gedächtnis überraschte es die Forscher nicht, dass diese Patienten auch bei verbalen Gedächtnistests schlechter abschnitten als nicht missbrauchte Kontrollpersonen.

Nach dem Befund mancher Forscher tritt bei Frauen, die in der Kindheit missbraucht wurden, auch häufig eine so genannte multiple Persönlichkeitsstörung auf. Eine Untersuchung fand eine klare Entsprechung zwischen dem Grad der Verkleinerung des linken Hippocampus und der Stärke der Symptome.

Ernst Pfeiffer von der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie (Berlin) und Martin Driessen vom Zentrum für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin in den Krankenanstalten Gilead in Bielefeld verwiesen darauf, dass Symptome solcher bleibender Schäden im Gehirn durchaus behandelbar sind mit Aussicht auf Besserung - so etwa mit einer traumaspezifischen Verhaltenstherapie. In schwereren Fällen kann eine umfassende, langfristige heilpädagogische Betreuung der Patienten nützlich sein.