Zum Hauptinhalt springen

"Nicht nur Symptome bekämpfen"

Von Petra Tempfer

Politik

Stadtschulrat will Zahl der Schwänzer eruieren und mit Schulpartnern beraten.


Wien. Im Park die Sonne genießen, im Café philosophieren oder einkaufen gehen. Oder im stickigen Klassenzimmer sitzen und dem Lehrer zuhören: Was ist schöner? Zahlreiche Schüler - rund zwei pro Oberstufenklasse - wählen Ersteres. Zu viele, wie Stadtschulratspräsidentin Susanne Brandsteidl (SPÖ) befand, die nun der Ursache für das Schwänzen auf den Grund gehen möchte und am Donnerstag den neuen - und bereits im Vorfeld kritisierten - Schulschwänz-Beauftragten Horst Tschaikner vorstellte.

Der ehemalige Hauptschullehrer und langjährige Mitarbeiter des Stadtschulrats soll ab April die konkrete Zahl an Schwänzern eruieren und mit den Schulpartnern bis Anfang des nächsten Schuljahres einen Leitfaden erarbeiten: Vor allem müssten Schüler, Eltern und Lehrer über die Wichtigkeit des Schulbesuches aufgeklärt und Hilfsangebote für Betroffene entwickelt werden. Derzeit kursierende Zahlen an Schwänzern sind Schätzungen: 300 Pflicht- und 5000 Oberstufenschüler schwänzen demnach regelmäßig. Obwohl Letztere nicht mehr schulpflichtig sind und ihnen bei unentschuldigtem Fernbleiben vom Unterricht daher keine Anzeige droht, werden sie miteinbezogen - "weil es hier auch um Lebenschance geht", so Brandsteidl. Ein "Migrantenthema" sei Schulschwänzen nicht.

Antwort auf Leistungsdruck

Jugendliche quer durch alle Schichten und Nationalitäten hätten einfach "null Bock auf Schule", so Brandsteidl. Dass sich deren Einstellung durch einen Beauftragten ändern soll, wurde bereits im Vorfeld von der Opposition verhöhnt. ÖVP-Gemeinderätin Isabella Leeb etwa ortete ein neues Motto der Stadtregierung: "Jedem Stadtrat sein Beauftragter."

Bildungsexperte Mario Steiner vom IHS sieht es ähnlich. "Ein Schulschwänz-Beauftragter allein wird es nicht schaffen, Schule attraktiver zu machen", meint er zur "Wiener Zeitung". Aufgabe sei daher nicht, die Schwänzer genau beziffern zu können - sondern, eine Antwort auf die Frage "Warum wollen Kinder nicht in die Schule gehen?" zu finden.

Seiner Ansicht nach hängt das Schwänzen mit dem Konkurrenz- und Leistungsdruck an den Schulen zusammen. Statt Talente zu fördern, werde anhand von Schwächen selektiert. In Kombination mit der Pubertät keine günstige Voraussetzung also, um gerne in die Schule zu gehen.

"Schwänzen ist die typische Kehrseite von Leistungsdruck", sagt auch Bildungsexperte Stefan Hopmann. Falls der Beauftragte nichts an der Ursache - dem Schulsystem - ändert, sondern nur Symptome bekämpfen will, werde er erfolglos scheitern. Geht es nach dem Bildungsexperten Andreas Salcher, muss die Politik in Psychologen, Pädagogen und Ärzte investieren. Sie sollen an jeder Schule anwesend sein, um mit den Schülern dem Schwänzen auf den Grund zu gehen.

Absolut nicht zielführend ist laut Steiner, mit Strafen zu drohen. Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz (ÖVP) wollte vor kurzen die Strafen fürs Schwänzen von 220 auf 1500 Euro erhöhen. Die FPÖ schlug indes vor, die Familienbeihilfe zu streichen.

Unterrichtsministerin Claudia Schmied sprach sich daraufhin klar gegen "existenzgefährdende Strafen" aus. Gemeinsam mit dem Koalitionspartner will auch sie ein Maßnahmenpaket erarbeiten, um die Zahl der Schwänzer zu reduzieren. So soll es etwa gesetzlich verankerte Eltern-Schüler-Lehrer-Gespräche an Pflichtschulen geben. Ein Schulschwänz-Beauftragter in jedem Bundesland sei jedoch nicht geplant.