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Nicht nur USA gefährden Klimaschutz

Von Eva Stanzl

Wissen

Problem mit Pariser Klimaschutz-Abkommen: Vage Länderzusagen könnten die Erderwärmung sogar steigern.


Laxenburg/Wien. Die Erderwärmung wird die Regenfälle neu verteilen und Wetterextreme verstärken, berichteten US-Forscher am Dienstag. Doch nicht nur beim Wetter könnte der US-Ausstieg aus dem Pariser Klimaschutzabkommen die Welt teuer zu stehen kommen. Denn ohne die Mitarbeit der Vereinigten Staaten lasse sich die Erderwärmung nur sehr schwer auf maximal zwei Grad beschränken, warnen Klimaforscher des Instituts für Angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg.

"Alle jemals ausgestoßenen Emissionen tragen zum Klimawandel bei. Was immer wir tun, bestimmt, wo die Erde in Zukunft stehen wird", sagt Joeri Rogelj vom Energy Program des IIASA. "Wenn wir nicht wollen, dass es noch wärmer wird, müssen wir ein CO2-Budget einhalten, das ab einem gewissen Punkt null Emissionen erreicht. Schert ein Land aus, müssen alle anderen dessen Fehlverhalten kompensieren."

Das wegweisende Pariser Klimaschutz-Abkommen wurde im Dezember 2015 ausgehandelt. 195 Länder verpflichten sich darin zum Klimaschutz. Für die USA unterschrieb Trumps Vorgänger Barack Obama, den CO2-Ausstoß um 26 bis 28 Prozent im Vergleich zu 2005 zu reduzieren. Das vereinbarte Zwei-Grad-Ziel soll vermeiden, dass ein Kippeffekt eintritt, ab dem sich die Erde unkontrolliert erwärmen würde.

"Derzeit sind die USA für mindestens 15 Prozent der weltweiten Emissionen verantwortlich. Wenn sie ihren Anteil nicht senken, müssen alle anderen Länder die Fehlleistung wettmachen, um überhaupt bei null beginnen zu können. Eine Verbesserung würde Europa, China, Russland, Südamerika und Afrika noch viel größere Anstrengungen kosten", sagt Rogelj zur "Wiener Zeitung".

Besonders Länder der Dritten Welt tun sich schwer, die Ziele des Pariser Abkommens zu erfüllen. Unter Ex-Präsident Obama hatten sich die USA verpflichtet, mehrere Milliarden Dollar in den Green Climate Fund der Vereinten Nationen einzuzahlen. Die Stiftung finanziert in diesen Ländern Projekte im Bereich erneuerbare Energien, die zum Klimaschutz beitragen. Durch dem US-Ausstieg aus dem Abkommen vergangenen Donnerstag läuft auch diese Finanzierung aus. Das erschwert die Senkung der Treibhausgase für Entwicklungsländer noch weiter.

Doch auch unabhängig von den offenen Fragen, die der US-Ausstieg aufwirft, sehen die IIASA-Forscher Unsicherheiten, was die Wirkung des Abkommens betrifft. In einer im Fachmagazin "Nature Communications" veröffentlichten Studie zeigen sie, dass die in Paris zugesagten Emissionsbegrenzungen paradoxerweise sogar eine gegenteilige Wirkung haben könnten, indem sie zu einem CO2-Emissionsanstieg führen.

In dem Abkommen geben alle Länder ihre "nationalen Beiträge" an, mit denen sie die zwei Grad-Grenze einhalten wollen. "Die nationalen Vorhaben zeichnen aber keinen klaren Weg zur Senkung von Treibhausgasen. Jedes Land setzt nämlich unterschiedliche Maßnahmen", erklärt Rogelj.

Nächster Klimagipfel im November in Bonn

Zwar scheint das logisch, zumal die Pariser Verträge genau diesen Spielraum erlauben - anders wäre es womöglich, so wie bei den Klimagipfeln davor, zu keinem Abkommen gekommen. Die weiche Regelung hat jedoch zur Folge, dass die Maßnahmen der Länder nur schwer vergleichbar sind und es keine einheitlichen Kriterien gibt, an denen Erfolg gemessen werden kann.

"Manche Länder setzen sich klare, messbare Ziele mit konkreten Angaben, wie viele Emissionen sie wie bis wann senken wollen. Andere Länder bleiben vage und versprechen nur relative Größen - etwa die Senkung der Emissionsintensität pro Einheit am Bruttoinlandsprodukt", konstatieren Rogelj und sein Team in einer Aussendung zu ihrer Studie.

Die teilweise unpräzise formulierten Zusagen ermöglichen eine Bandbreite an Szenarien. Im Jahr 2030 könnten zwischen 47 und 63 Milliarden Tonnen CO2 ausgestoßen werden, heißt es. Zum Vergleich: 2015 wurden geschätzte 52 Milliarden des Treibhausgases freigesetzt. Laut der Analyse ermöglicht das Pariser Klimaabkommen nun alles von einer zehnprozentigen Senkung bis hin zu einer 20-prozentigen Erhöhung.

Nur Konkretisierungen und klarere Richtlinien für die nationalen Beiträge könnten die Unsicherheit in den Vorhersagen beenden: Die Länder müssten entweder ihre Zusagen für 2030 verbindlicher gestalten - oder nach 2030 ihre Anstrengungen um das Vier- bis 25-fache erhöhen. "Technische Klarheit muss geschaffen und Richtlinien müssen erstellt werden, wie Fortschritt zu messen ist", betont Rogelj. Der nächste UNO-Weltkimagipfel findet im November in Bonn statt.

Aus Protest gegen den Ausstieg von Präsident Trump hat am Dienstag der amtierende amerikanische Botschafter in China gekündigt. Nach Angaben von US-Medien und des China-Experten John Pomfret unterrichtete David Rank seine Botschaftsmitarbeiter bei einer Versammlung in Peking persönlich von seinem Schritt. Die US-Botschaft wollte nur bestätigen, dass der Karrierediplomat "eine persönliche Entscheidung getroffen" habe.

"Sanktionen für Länder,die austreten"

"Ohne USA wird die Zielerreichung des Pariser Abkommens kaum bis gar nicht möglich sein", stellte unterdessen die Umweltökonomin Angela Köppl vom Wirtschaftsforschungsinsitut Wifo in einer ORF-Umfrage klar: "Bis 2050 sollen die Emissionen um 80 bis 90 Prozent sinken - wenn die USA hier nicht mitgehen, wird dieses Ziel nicht erreichbar sein." Indes betont Reinhard Steurer vom Institut für Wald-, Umwelt- und Ressourcenpolitik an der Universität für Bodenkultur Wien: "Es gibt schon heute eine große Lücke zwischen dem plakativen Zwei-Grad-Ziel und den zugesagten Maßnahmen der Länder. Jetzt wird diese Lücke noch größer."

Myles Allen, Klimawissenschafterin an der Universität Oxford, bringt unterdessen im Fachblatt "Nature" auf den Punkt: "Das Pariser Abkommen ist alles andere als perfekt, doch eines deiner größten Probleme ist, dass es keine Sanktionen gibt für Länder, die austreten."