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Nicht nur Yachten an der Ägäis

Von Ali Cem Deniz

Politik

Die Türkei ist inzwischen zu einem weltweiten Serien-Exporteur geworden.


Wien. Von Zigarettenrauch durchdrungene dunkle Räume, verschwiegene Männer, die konzentriert auf einen Bildschirm starren, während der schwarze Tee in den Gläsern kalt wird. Sie schauen nicht Fußball, sondern eine wöchentliche Soap Opera. Solche Szenen sind in türkischen Cafés keine Seltenheit mehr. Die Serie "Tal der Wölfe", die in Europa mit ultranationalistischen und antisemitischen Inhalten für Aufregung sorgte, fesselte Millionen von türkischen Männern an die Fernseher. Nach unzähligen Spin-Offs ist "Tal der Wölfe" von den türkischen Bildschirmen verschwunden. Die Männer sehen aber weiterhin fern. Nicht nur in den Cafés, sondern auch zu Hause mit den Familien. TV-Serien sind zu den beliebtesten Kulturgütern in der Türkei geworden.

Das Klischee von hysterischen Frauen, die voller Spannung ihre Soaps verfolgen, scheint weltweit mittlerweile veraltet zu sein. Auch in den USA und in Europa liefern Fernsehanbieter wie Home Box Office (HBO) anspruchsvolle Produktionen wie die Krimiserie "The Wire", die als moderne Sozialdramen in den Feuilletons gefeiert werden, und beweisen, dass das Format TV-Serie mehr erzählen kann als kitschige Geschichten aus dem Leben der Reichen und Schönen.

In den türkischen Fernsehserien ist der Hang zu den Reichen und Schönen aber noch etwas ausgeprägter. Villen am Bosporus oder Yachten an der Ägäis sind häufig Orte des Geschehens, wo reiche Familien in einen Sumpf von Skandalen, Intrigen und fatalen Leidenschaften versinken.

Das erfolgreichste Beispiel für diese Art von Serien war "Ask-i Memnu" (deutsch: "Verbotene Liebe"), basierend auf dem gleichnamigen Roman von Halit Ziya Usakligil aus dem Jahr 1900.

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In der Serie ist von dem sozialrealistischen Gesellschaftsroman hauptsächlich die "verbotene" Liebesbeziehung zwischen den beiden Protagonisten übrig geblieben. Bihter, die junge Frau des reichen Geschäftsmanns Adnan, beginnt eine Beziehung mit dessen Neffen Behlül. Knapp zwei Jahre hielt die geheime Liebesbeziehung zwischen Bihter und Behlül die Zuschauer vor den Fernsehern Woche für Woche in Atem.

Parallel zu solchen Seifenopern setzen aber auch die türkischen Sender zunehmend auf Produktionen, die mehr soziale Realitäten abbilden, mit denen sich die Zuschauer identifizieren können. Am Beispiel der Hauptprotagonisten von "Ask-i Memnu" lässt sich diese Entwicklung gut mitverfolgen. Beren Saat, die in "Ask-I Memnu" die Ehebrecherin Bihter spielte, ist in "Fatmagülün Sucu Ne?" (deutsch: "Was ist Fatmagüls Schuld?") in die Rolle eines Vergewaltigungsopfers geschlüpft, das nach Gerechtigkeit sucht. Der verwöhnte Bengel Behlül, gespielt von Kivanc Tatlitug, spielt in einer neuen Serie einen jungen Mann, der nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis sein Leben in Ordnung bringen will.

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Der Name Kivanc Tatiltug ist mittlerweile zu einer echten Marke geworden. Der Schauspieler, der als "Brad Pitt des Nahen Ostens" bezeichnet wird, ist Garantie für den Erfolg einer Serie. Der blonde Schönling mit den grünen Augen lässt Frauenherzen in arabischen Ländern höher schlagen und verändert Schönheitsideale.

Aber nicht nur in arabischen Staaten, sondern auch in Griechenland, am Balkan und sogar in Südamerika erfreuen sich türkische Serien einer großen Anhängerschaft. Über YouTube verfolgen Fans in aller Welt ihre liebsten TV-Serien. Manche davon, wie "Yaprak Dökümü" ("Das Fallen der Blätter"), gibt es synchronisiert in Serbokroatisch. Andere Serien sind mit Untertiteln zu sehen, manche sogar mit deutschen, französischen oder englischen Untertiteln. Oft sind es "Fansubs", also von Fans produzierte inoffizielle Untertitel.

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Aufwendiger, kostspieliger

Mit der Beliebtheit der Serien steigt natürlich auch ihre ökonomische Bedeutung. Im Jahr 2011 machten türkische TV-Serien einen Umsatz von einer halben Milliarde Euro. Durschnittlich kostet die Produktion einer Folge knapp 100.000 Euro. Der wachsende Sektor ermöglicht somit auch die Produktion von aufwendigen und kostspieligen Serien. So werden historische Serien wie "Muhtesem Yüzyil" ("Das prächtige Jahrhundert"), die das Leben des Sultans Süleyman erzählt, immer beliebter. Mittlerweile exportiert die Türkei ihre Serien in 63 Länder, unter anderem auch nach Brasilien, das selber lange Zeit die türkischen Zuschauer mit eigenen Soap Operas versorgt hat.

Technisch brauchen sich die türkischen Serien vor US-amerikanischen Produktionen nicht mehr zu verstecken, und auch die Drehbücher werden immer intelligenter und glaubwürdiger. An ein paar Kinderkrankheiten leiden die Serien aber immer noch. Das größte Problem für die Zuschauer sind die ewigen Werbepausen und auch die ungewöhnliche Länge der Episoden. Während amerikanische Produktionen maximal auf 50 Minuten kommen, haben die meisten Folgen türkischer Serien eine Spielfilmlänge von zwei Stunden und mehr. Das mag zwar für Hardcore-Fans erfreulich sein, für viele Zuschauer ist es ein Ärgernis. Solange die Quoten hoch sind, ziehen sich die Serien in die Länge. Geschichten, die in den ersten 20 Folgen spannend sind, drehen sich bald im Kreis und die Handlungen werden schwer nachvollziehbar.

Für Schauspieler und Produktionsfirmen sind die langen Folgen ein noch größeres Problem als für die Zuschauer. Seriendarsteller haben in den letzten Jahren Gewerkschaften gegründet und Demos veranstaltet, um auf die prekären Arbeitsbedingungen aufmerksam zu machen. Arbeitszeiten von bis zu 18 Stunden täglich und schlechte Bezahlung sind keine Ausnahme. Während Stars wie Kivanc Tatlitug sehr hohe Gagen erhalten, beschweren sich Nebendarsteller über Ausbeutung.

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Der Beliebtheit der TV-Serien schadet der Protest der Schauspieler aber nicht. Jeden Herbst kommen neue, aufwendigere Produktionen ins Fernsehen. Die harte Konkurrenz zwischen den Sendern erhöht auch die Qualität. Soap Operas im brasilianischen Stil rutschen ins Nachmittagsprogramm ab. Im Abendprogramm gibt es auf jedem Sender mindestens ein Serien-Flagschiff. Ob in Zukunft auch türkische Serien in hiesigen Feuilletons gefeiert werden, wird sich noch zeigen.