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Nicht zu viel teilzentral

Von Georg Cavallar

Gastkommentare
Georg Cavallar ist AHS-Lehrer, Buchautor, Dozent für Neuere Geschichte und Lehrbeauftragter an der Universität Wien. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die europäische Aufklärung, die Philosophie Kants und der Islam.
© privat

Die Zentralmatura ist mittlerweile so verwässert, dass sie diesen Namen nicht mehr verdient - wohl ein österreichisches Schicksal.


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Ursprünglich war es eine sehr sinnvolle Idee: Eine Zentralmatura, die für ein möglichst hohes Maß an Vergleichbarkeit, Reliabilität und Objektivität sorgen sollte. Die Absicht war, jener Lächerlichkeit ein Ende setzen, dass manche Schülerinnen und Schüler in einem oder sogar mehreren Fächern im Abschlussjahrgang und bei der Matura "durchgewunken" wurden, während andere Schulen oder Klassen eine "richtige" Matura hatten. Viel zu spät reagierte das Bildungsministerium auf diese Entwertung der Matura mit einer Reform unter dem Stichwort "teilzentrale Matura". Prüfungsangaben wurden zentral vorgegeben, bei der mündlichen Matura wurden die Fragen per Los gezogen. "Zweckdienliche Hinweise" der Lehrkraft vor der Matura waren nun nicht mehr möglich.

Nun ist das Ministerium im Schatten von Corona wieder zurückgerudert. Die schriftliche Matura ist "ein bisserl zentral, aber nicht zu viel". Die Abschlussnote setzt sich nun zu je etwa 50 Prozent aus der Leistung bei der schriftlichen Matura und aus der Note der Abschlussklasse zusammen. Das soll auch nach Corona so bleiben. Denn die Ergebnisse dürfen offenbar nicht zu schlecht ausfallen.

Schon bisher gab es eine unsinnige Kompensationsprüfung. Schülerinnen und Schüler mit einer negativen Klausurnote konnten sich nach ein paar Tagen bei einer mündlichen Prüfung in der Dauer von etwa 20 Minuten diese ausbessern. Das wog angeblich eine fünfstündige Klausur auf. Surprise, surprise! Sehr viele Kandidatinnen und Kandidaten schafften das.

Was bleibt auf der Strecke? Auf jeden Fall die oben genannten Kriterien einer fairen Testung: nämlich Vergleichbarkeit, Reliabilität und Objektivität. Die sogenannte "Zentralmatura" ist tatsächlich keine mehr oder nur noch in Ansätzen. Sie ist aber auf jeden Fall aufwendig, teuer, unfair und umweltschädigend. Aufwendig: Der Rechnungshof hat insgesamt 16 Teilschritte bei der Erstellung etwa der Mathematik-Matura festgestellt. Teuer: Die Mehrkosten betragen 7 Millionen Euro pro Jahr. Unfair: Manche Lehrkräfte halten sich an die Vorgaben und schenken keine Noten her, etwa bei den Kompensationsprüfungen oder im Abschlusszeugnis, andere nicht. Umweltschädigend: Der Papieraufwand ist enorm.

Die Studierfähigkeit bleibt wohl auch auf der Strecke. Je weniger aussagekräftig die Matura ist, desto mehr Eingangsprüfungen für die Universitäten sind in Zukunft zu erwarten. Auch die Klagen des wissenschaftlichen Personals im tertiären Bildungsbereich etwa über katastrophale Deutschkenntnisse unserer Maturantinnen und Maturanten werden eher zunehmen.

Zuletzt stellt sich die Grundfrage: Wozu dann überhaupt noch eine Matura? Die Maßnahmen sehen nach einer Nivellierung nach unten aus - und das bei einem ÖVP-Minister? Immerhin scheint mit der jetzigen Variante die Mehrheit der Betroffenen zufrieden zu sein. Allgemeine Zufriedenheit ist allerdings kein Kriterium für die Qualität von Bildungseinrichtungen.