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Nichts für reine Zahlenfreaks

Von Rosa Eder

Wirtschaft

Kaufen, verkaufen oder doch lieber noch warten? - Investmententscheidungen zu fällen, ist für Anleger - private wie institutionelle - meist kein leichtes Unterfangen. Wie gut, dass es Menschen gibt, die sich tagtäglich mit der komplexen Materie Finanzmarkt befassen, Bilanzen und volkswirtschaftliche Daten unter die Lupe nehmen und Empfehlungen abgeben.


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Die Rede ist von den Analysten, die zu unrecht als reine "Zahlenfreaks" verschrien sind. So sei etwa Aktienanalyse "eine Kunst und keine Wissenschaft", sagt Günther Artner, Leiter der Gruppe Xetra Sector Research in der Erste Bank AG. Für ihn sind die Vorgänge an den Finanzmärkten "extrem spannend", und er fühlt sich "jeden Tag auf's neue gefordert".

Ein Analyst müsse zwar "in Zahlen verliebt" sein, es werde aber auch ein hohes Maß an Extravertiertheit gefordert. "Wir absolvieren unzählige Präsentationen vor Fondsmanagern, man muss also auch gut reden können", so Artner. "Wer gern im Elfenbeinturm sitzt, für den ist die Arbeit als Analyst sicher nichts", pflichtet ihm Gerhard Winzer, Anleihenanalyst in der Bank Austria Creditanstalt (BA-CA), bei. Im Gegensatz zu anderen Berufen ist für den Analysten der Job am Freitagnachmittag längst nicht erledigt: "Man muss auch Spaß dabei haben, in seiner Freizeit die "Financial Times" oder den "Economist" zu lesen", so Winzer. Positiver Nebeneffekt: Die Englischkenntnisse verbessern sich so nebenbei, wie überhaupt die englische Sprache eine Grundvoraussetzung für den Analystenjob ist.

Ob schlicht "berufsmäßiger Börsenfachmann" oder "(meist professioneller) Beurteiler der Anlagequalität und des (inneren) Wertes bzw. der Kurschancen von Wertpapieren" - in Österreich ist zunächst ein Wirtschaftsstudium eine gute Grundvoraussetzung, um Analyst zu werden. Wobei sich aber auch der eine oder andere Geisteswissenschaftler für die Vorgänge an den Finanzmärkten interessiert.

Ein starres Ausbildungsschema gibt es nicht, heißt es unisono bei den von der "Wiener Zeitung" befragten Analysten heimischer Großbanken: "Training on the job" lautet die Devise. Der Frauenanteil wird auf 40% bis 50% geschätzt.

CIIA oder CFA?

In einem postgradualen Studium werden die erworbenen Kenntnisse vertieft. Hier tun sich mehrere Wege auf. So bietet die 1972 gegründete Österreichische Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Manegement (ÖVFA) einen dreisemestrigen Lehrgang an, dessen Absolventen zum Tragen des weltweit anerkannten Berufstitels "Certified International Investment Analyst" (CIIA, vormals CEFA) berechtigt sind. Der ÖVFA-Lehrgang hat nach Auskunft von Otto Lucius, Geschäftsführer der Bankwissenschaftlichen Gesellschaft, bisher rund 300 Absolventen hervorgebracht.

Über die amerikanische AIMR (Association for Investment Management and Research) bzw. ihre Mitgliedsorgansiation in Österreich, ASIP (Austrian Society of Investment Professionals), kann der Titel "CFA" (Chartered Financial Analyst) erworben werden, wobei mindestens drei Jahre für die Absolvierung der Kurse und Prüfungen einkalkuliert werden müssen.

Alle Analysten in einen Topf zu werfen, wäre falsch, da es mehrere "Arten" gibt. Auf der "Mikro-Ebene" arbeiten Unternehmensanalysten, die Aktien und Unternehmensanleihen (Corporate Bonds) bewerten. Auf der "Makro-Ebene" hingegen geht es um volkswirtschaftliche Faktoren wie etwa die Entwicklung der Zinsen. "Das eine beeinflusst das andere", sagt Winzer. Wenn etwa ein Unternehmen eine Anleihe begeben will, ist auch das makroökonomische Umfeld für die Emission von Bedeutung. Eine weitere wichtige Unterscheidung ist zwischen "buy-side" und "sell-side"-Analysten zu machen. Erstere sind beratend bei den Fondsgesellschaften tätig und treten nach außen hin nicht auf - im Gegensatz zu jenen, die öffentlich Kauf- und Verkaufempfehlungen abgeben. Dabei sind strenge Wohlverhaltensregeln einzuhalten, damit es nicht zu Interessenskonflikten und Marktmissbrauch kommt.

) Wahrig Fremdwörterlexikon

**) Das kleine Börsenlexikon, Verlagsgruppe Handelsblatt