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Niedergang und hohe Kunst

Von Reinhold Aumaier

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Das TV-Grauen noch vor Augen, wählten wir am Dienstag einen gemütreinigenden Tag mit Österreich 1. Mit dem Grauen ist natürlich die Zerhäckselung von Österreich-Tschechien durch den berüchtigten Regie-Terroristen Fritz Melchert gemeint. Außer am grassierenden Talkshow-Geschwätz ist der Niedergang der Fernsehkultur wohl am besten an der Faschierung von Fußballspielen bei lebendigem Leib abzusehen. Packen S' den Kerl, Frau Generaldirektorin und Jägerin, und jagen Sie ihn den Küniglberg hinunter, aber mit Schimpf und Schande, bitte sehr! Sein weiteres Schicksal sei uns sowas von egal. Hauptsache, er ist weg von Regiepult, Spezialkameras und Zeitlupenidiotie.

Wir begannen unseren dem Augentrost gewidmeten Dienstag kurz nach halb acht mit den besten Hits und größten Oldies - Händel! Bach! Quantz! - im Rahmen von "Guten Morgen Österreich"; setzten mittels "Pasticcio" ähnlich fort - Leopoldi, Gershwin, Eisler! - und ließen unser Herz am helllichten Nachmittag in Schwingung versetzen; nämlich zu Beginn von Gottfried Cervenkas "Apropos Oper". Wie tief die Stimme einer Sängerin selbst beim Sprechen zu berühren vermag, hörten wir am Beispiel Kathleen Ferriers. Die einzigartige Künstlerin starb vor 50 Jahren. Ein rares Tondokument aus Brittens "The Rape of Lucretia", dann Schubert, Brahms - und ein Radionachmittag bekam sein akustisches Krönchen aufgesetzt. Bloß zum Zuspitzen der Ohren taugt die Saitenstrickerei Paco de Lucias, welche uns Albert Hosp anhand einer 26-CD-Box in den "Spielräumen" zu Gehör brachte. Zeitlose Radiokunst bot schließlich das abendliche "Hörspiel-Studio" mit Robert Musils "Die Schwärmer". Unter Gerd Westphals Meisterregie sprachen u. a. Erik Schumann und Margot Trooger. Eine Kostbarkeit. Zum Niederknien.