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Niedrigenergie: "Ein Pullover tut’s auch"

Von Bernd Vasari

Politik
Baumängel wie in der Passivhaus-Siedlung Eurogate mindern die Wohnqualität und verhindern Energieeffizienz, heißt es.
© Jenis

GBV-Studie: Hohe Investitionen für Passivhaus rechnen sich nicht.


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Wien. Trotz der Erhöhung thermischer Standards von Wohngebäuden fallen tatsächliche Energieeinsparungen bei Weitem geringer aus als erwartet. Das ergab eine Untersuchung des Verbands gemeinnütziger Bauvereinigungen (GBV). Der GBV fordert daher einen "Stopp des Qualitäts-Hypes" mit immer teureren Energiespar-Normen für den Wohnbau. Denn Normen mit höheren energetischen Standards würden die Baukosten in die Höhe treiben, die dann in weiterer Folge auf den Endverbraucher abgewälzt würden. Die Energieeinsparungen, die sich daraus ergeben, würden sich aber - im Gegensatz zu gängigen theoretischen Berechnungen - in der Praxis keinesfalls positiv auf die Geldbörse des Endverbrauchers auswirken.

"Wenn diese Exzesse weitergehen, können wir unserer sozialen Verantwortung in Richtung ,leistbares Wohnen‘ nicht mehr nachkommen", warnt GBV-Obmann Karl Wurm. Ehe man ein "Wunschkonzert" spiele, solle man hier einmal ein "Moratorium" verhängen und künftige Energiesparpotenziale nicht mehr nur theoretisch festlegen, sondern realistische Verbrauchszahlen heranziehen.

Keine Einsparungen durch Passivhäuser

Dann würde man sehen, dass etwa in Passivhäusern die Energieeinsparungen faktisch nur die Hälfte der theoretisch ermittelten erreichen. Wenn man Instandhaltung und Wartung mit einberechnet, so würden sich die hohen Investitionen für weitere Energiesparmaßnahmen nicht rechnen, sagt Wurm. Rechnet man reine Bau- und Nebenkosten, so ist eine 70 Quadratmeter große Passivhaus-Wohnung laut Studie um rund 7700 Euro teurer als eine Wohnung in einem Niedrigenergiehaus der Generation "Wohnbauförderung 2010". Die Mehrkosten ergeben sich aus Lüftungsanlagen inklusive Wärmetauschern (35 bis 80 Euro pro Quadratmeter), Dreifach-Verglasung der Fenster (15 bis 20 Euro pro Quadratmeter), besserer Isolierung und höheren Dämmstärken (bis zu 50 Euro pro Quadratmeter).

Ein weiterer Kritikpunkt von Wurm bezieht sich auf die Geschwindigkeit im Finden neuer Normen. Diese müsse gebremst werden, "um allen ein bisschen Luft zu geben". Es würde eine offensichtliche Überforderung etwa bei Architekten und Bauträgern geben, weil die Entwicklung zu rasch vonstatten gehe. Dadurch würden Baumängel zulasten der Energieeffizienz entstehen. Wurm verweist auf Mieter, die sich im Sommer bei ihm beschwert hätten, dass die Kühlung in ihrem Passivhaus nicht funktioniere. In der Wohnung hätte es 40 Grad gehabt und es sei nicht erlaubt, eine Klimaanlage einzubauen. Die "Wiener Zeitung" berichtete über ähnliche Fälle in der Passivhaus-Siedlung "Eurogate" im 3. Bezirk.

Bereits heute Normen, die es im Jahr 2020 geben sollte

Auch für Christian Krainer, Vorsitzender im Technischen Ausschuss des GBV und Chef zweier steirischer Wohnbaugesellschaften, muss die Geschwindigkeit im Finden neuer Normen eingebremst werden. Mit den Wohnbauförder-Regeln "sind wir heute schon auf einem Stand, der mit den 20-20-20-Zielen verlangt wird", sagte er. Die 20-20-20-Ziele sind ein Richtlinien- und Zielpaket der EU für das Jahr 2020, das 20 Prozent weniger Treibhausgasemissionen als 2005, einen 20-prozentigen Anteil an erneuerbaren Energien und 20 Prozent mehr Energieeffizienz vorsieht.

Für das relativ schlechte Abschneiden des Passivhauses in der Studie spielt auch der Faktor Mensch eine wesentliche Rolle. In einer Wohnung mit undichten Fenstern und energieineffizientem Gebäudebestand würde man sich bald einmal einen Pullover anziehen, in einem Passivhaus mit Dreifachverglasung würde man sich hingegen beim Energieverbrauch "nachlässiger" verhalten, sagt Wurm. Dieses Phänomen sei auch bereits wissenschaftlich erforscht und unter dem Begriff "Prebound-Effekt" bekannt. "Wir finden es positiv, dass Klimaschutz im Wohnbausektor so wichtig ist." Nur derzeit sei der höchste Standard im Wohnbau zu teuer.

Untersucht wurden 52 der 192 gemeinnützigen Bauvereinigungen mit 321 Objekten beziehungsweise 14.220 Wohnungen aus acht Bundesländern.