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"Niemand hat so lange Urlaub"

Von Nina Flori

Politik

Betreuung für neun Wochen zu finden, ist schwierig und teuer. | Expertin fordert "Bespielung" der Schule das ganze Jahr über. | Laut Marek noch einiges zu tun - wichtig sind Förderungen. | Wien. Die Freude über neun Wochen Sommerferien ist bei den meisten Kindern groß. Weniger groß ist sie allerdings bei vielen Eltern. Denn wer kümmert sich während des Sommers um die Kinder? Eine alternative Betreuung zur Schule zu organisieren, gestaltet sich oft schwierig und kann zudem mit hohen Kosten verbunden sein.


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"Im Kindergarten geht es ja noch", sagt Susanne Müller im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". "Der hat im Sommer nämlich nur einen Monat lang geschlossen und dann gibt es meistens auch Ausweichkindergärten. Schwierig wird es aber dann, wenn die Kinder im Volksschulalter sind - weil die Schule einfach zusperrt." Auch die Niederösterreicherin Gabriele Grumböck findet die Überbrückung der Sommerferien schwierig. "Überhaupt, wenn man keine Oma direkt in der Nähe hat", erklärt sie. Denn gerade in ländlicheren Gebieten hätten viele Horte mangels Bedarfs an Bedarf den Sommer über geschlossen. Die Unterbringung ihrer Tochter, der zehnjährigen Lena, erfordert daher eine gute Organisation: Eine Woche fährt sie in ein Musikcamp, eine Woche verbringt sie bei ihrer erwachsenen Schwester im Burgenland, eine Woche bei den Großeltern in der Steiermark, jeweils zwei Wochen gehen die getrennt lebenden Eltern auf Urlaub. Der Rest der Zeit wird durch die private Institution "Freundeskreis" abgedeckt. "Dort bezahlt man 2,20 Euro pro Stunde und 3,50 Euro für das Mittagessen", erklärt Grumböck. Ein Tag Betreuung kostet daher rund 25 Euro - aufgrund der längeren Inanspruchnahme wird schon der verbilligte Tarif berechnet.

"Kosten summieren sich"

"Auf den ersten Blick wirkt das gar nicht so teuer, für zwei Wochen summiert sich das aber schon", sagt die kaufmännische Angestellte. Zudem wolle man sein Kind ja nicht einfach in eine Aufbewahrungsstätte geben, sondern schon an einen Ort, wo man sich mit den Kindern befasse. Dass Ferien wichtig sind, steht für Grumböck nicht zur Debatte, aber neun Wochen seien schon ein "bisschen lang", meint sie. "Denn niemand hat so lange Urlaub."

Dass sich die Schule in den Ferien "einfach verabschiedet", bezeichnet die ehemalige AHS-Direktorin und jetzige Mitarbeiterin am Zentrum für Didaktik der Universität Wien, Christa Koenne, als "Absurdität". "Wenn man bedenkt, was da für Ressourcen verlorengehen, kann man einfach nur den Kopf schütteln." Die ehemalige Direktorin plädiert daher seit Jahren für eine Änderung des Lehrerdienstrechtes in ein Jahresarbeitszeitrecht. "In der Schule gibt es große Stresszeiten und dann Zeiten der Langeweile. Es wäre eine viel buntere Gestaltung möglich, wenn Lehrer nicht in diesen starren Dienstzeiten gefangen wären", meint Koenne und verweist auf das Erfolgsbeispiel Schweden, wo Schulen ganzjährig geöffnet seien.

Drei Monate stünden die Schulen in Österreich pro Jahr leer. "Warum füllt man diese Zeit nicht mit Angeboten?" Die Schule sollte das ganze Jahr über "bespielt" werden, findet die Pädagogin. Auch in den Ferien müsste ein vielfältiges Programm angeboten werden. Vor allem Vorbereitungskurse für Schüler, auf die im Herbst Wiederholungsprüfungen warten, aber auch generelle Förderungsprogramme jeder Art schlägt Koenne vor. "Wenn ein Lehrer gerne Gitarre spielt, soll er in den Ferien einen Gitarrenkurs halten."

"Pflichten nicht auslagern"

Überhaupt sei es an der Zeit aufzuhören, Eltern dazu zu zwingen, Pflichten, die eigentlich bei der Schule lägen, zu übernehmen. Dass Österreichs Lehrer mit einem Ganzjahresdienstverhältnis wohl kaum einverstanden wären, bezweifelt Koenne nicht: "Ein Querlegen ist aber immer die erste Reaktion. Wenn sie aber sehen, dass die daraus resultierende Flexibilität, wie etwa Urlaub im Mai, auch für sie Vorteile bringt, werden sie merken, dass diese Regelung sinnvoll ist." Denn so könnten Eltern entlastet werden, und hätten mehr Zeit, den Kindern ihre persönlichen Wertvorstellungen und ihr Menschenbild zu vermitteln.

Auch die Staatssekretärin für Jugend, Christine Marek, ist der Ansicht, dass im Bereich der Betreuung von Volksschulkindern in den Ferien noch einiges zu tun ist. Den Vorschlag einer ganzjährigen "Bespielung" der Schule bezeichnet sie als "massiven Eingriff, der eine breite Diskussion erfordern würde." Bei einer derartigen Regelung sei aber auch fraglich, inwieweit die Umsetzung des Lehrplanes zeitlich noch möglich sei, so Marek. Sie unterstreicht in erster Linie die Bedeutung der Förderung von flexiblen, innovativen Betreuungsangeboten und verweist auf den Erfolg des Kinderbetreuungspreises des Familienministeriums. Dieser soll die Schaffung zusätzlicher Betreuungsangebote anregen und Eltern verstärkt darauf aufmerksam machen. Auch die seit 2009 in Kraft befindliche steuerliche Absetzbarkeit von Kinderbetreuungskosten von bis zu 2300 Euro pro Jahr und Kind bis zum zehnten Lebensjahr - worunter auch Feriencamps fallen - würde den Eltern entgegenkommen.

Im Büro des Wiener Jugendstadtrats Christian Oxonitsch verweist man, angesprochen auf die Betreuungsproblematik, auf die in Wien ganzjährig geöffneten Horte. Auch Kinder, die Ganztagsschulen besuchen, hätten in den Ferien einen Anspruch auf einen Hortplatz. In Niederösterreich gibt es, um das Angebot von Betreuungplätzen zu erhöhen, seit rund zehn Jahren die "Ferienbetreuungsaktion". Im Jahr 2009 wurden 400 Vereine, die bestimmte Qualitätserfordernisse erfüllen, vom Land und der jeweiligen Gemeinde finanziell unterstützt, heißt es bei der Landesregierung.