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Die Ölgiganten im Nigerdelta sind machtlos. Nach der Schließung mehrerer Förderstationen infolge sozialer Unruhen im Süden des Landes droht ein Generalstreik in Nigeria, weitere Löcher in die Exportkasse des westafrikanischen Staates zu reißen. Neben den Unwägbarkeiten des Irak-Kriegs treiben die Turbulenzen des weltweit sechstgrößten Ölproduzenten die Marktpreise seit Tagen in die Höhe. "Ein Ende der Misere", meint ein Sprecher von Shell in Lagos, "ist so schnell nicht absehbar."
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Shell ist der größte Ölproduzent in Nigeria: 900.000 Barrel Rohöl der täglichen Gesamtfördermenge von 2,2 Mill. Barrel im Niger-Delta gehen auf das Konto des Konzerns. Ein Drittel der Fördermenge liegt nun allein für Shell im westlichen Niger-Delta brach, nachdem blutige Kämpfe zwischen zwei Volksgruppen und der Armee die Ölarbeiter in die Flucht jagten. Chevron Texaco und TotalFinaElf haben annähernd hohe Verluste. Nigeria büßt mit täglich 800.000 Barrel Rohöl wegen der Unruhen derzeit 37% seiner Exportmenge ein. Das entspricht einem Prozent des weltweiten Rohölkonsums ein. Das OPEC-Mitglied Nigeria ist einer der Hauptlieferanten für die USA. Das schwefelarme nigerianische Rohöl ist in amerikanischen Raffinerien nicht zuletzt wegen seiner guten Qualität beliebt.
Auch im eigenen Land gehen in vielen großen Städten mehr und mehr Lichter aus. Das Öl bringt Nigeria zwar 97% der Devisen ein - den Nigerianern selbst bleibt vom Rohstoff aber seit jeher wenig. Weil das subventionierte schwarze Gold häufig auf dem Schwarzmarkt in Nachbarländern verkauft wird, herrscht in Nigeria chronische Benzinknappheit. Die Lage hat sich nach dem vorübergehenden Rückzug der Ölgiganten weiter zugespitzt: In zwei der vier maroden nigerianischen Raffinerien sind die Tanks bereits leer. Selbst in der Hauptstadt Abuja liegen viele Autos still. Der Schwarzmarkt blüht dagegen. An Verkehrsknotenpunkten schwenken Händler ihre Kanister. Zehn Liter Sprit kosteten am Montag drei Mal so viel wie noch vor zwei Wochen - immerhin fünf Euro - in einem Land, das in Öl schwimmt.
Die Ölkrise trifft Präsident Olusegun Obasanjo gerade zu diesem Zeitpunkt hart: In knapp drei Wochen stellt er sich zur Wiederwahl. Er kündigte einen harten Armeeeinsatz an, um die zur größten Volksgruppe im Nigerdelta gehörenden Unruhestifter zur Räson zu rufen. Doch Jugendliche der Ijaw haben damit gedroht, in diesem Fall die Ölanlagen in die Luft zu sprengen.
Vom Reichtum ihres Bodens sehen Delta-Bewohner nicht viel. Über Generationen wurde das Gebiet von den Militärjuntas des Ölstaates ausgeplündert. Auch Obasanjo hielt sein Versprechen einer gerechteren Verteilung der Einnahmen nicht. "Nun bekommt er dafür die Rechnung", sagt ein Sprecher eines Ölkonzerns. "Und wir tragen sie mit."
Die Ölfirmen sind es gewohnt, dass die Nigerdelta-Bewohner ihrem Zorn durch Vandalismus, Sabotage und Entführungen von Ölarbeitern Luft machen. Eine derartige Zuspitzung gab es jedoch noch nie. Die internationalen Konzerne bewerten die Lage weit weniger optimistisch als ein Regierungsbeamter, der am Wochenende prophezeite, das Öl werde voraussichtlich schon diese Woche wieder fließen. "Bevor wir dorthin zurückgehen", erklärte ein Sprecher von Chevron Texaco, "muss die Regierung uns erst einmal viele Sicherheiten geben".
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