Zum Hauptinhalt springen

Nikolaus Schwärzler

Von Heike Hausensteiner

Reflexionen

Der Großmeister des Freimaurerbundes in Österreich, Nikolaus Schwärzler, spricht über das Großartige an der "Zauberflöte", die Aura des Geheimnisvollen - und darüber, wie sich das Verhältnis der katholischen Kirche zur Freimaurerei allmählich verändert hat.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 13 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Wiener Zeitung: Herr Schwärzler, schauen Sie sich oft Mozarts "Zauberflöte" an? Nikolaus Schwärzler: So oft ich kann. Ich kenne viele Inszenierungen dieser Oper und entdecke immer wieder etwas Interessantes. Wobei es mir mehr um das Hören geht als um das Sehen.

Wie ist dieses Werk von Mozart und Schikaneder, die beide Freimaurer waren, aus freimaurerischer Sicht zu sehen? Darf man sich die Aufnahme in den Freimaurerbund so vorstellen wie die Prüfungen, die Tamino in der "Zauberflöte" absolvieren muss?

Ganz so einfach ist es nicht, dass man einfach ein paar Prüfungen bestehen muss und schon aufgenommen wird. Zu uns können Männer kommen, die ihr Leben an einer humanitären und humanistischen Gesinnung ausrichten.

"Die Zauberflöte" ist heute noch so beliebt wie eh und je, die inhaltliche Rezeption des Stücks kommt dabei aber oft zu kurz. . .

Viel zu kurz! Ich war während meiner Tätigkeit als Volksanwalt mit viel Unzufriedenheit konfrontiert und habe zutiefst Menschliches erlebt, wie Krieg mit den Nachbarn und so weiter. Wenn das Abendland nur den einen Satz des Sarastro aus der "Zauberflöte" beherzigt hätte, wäre die Welt heute eine ganz andere: "In diesen heiligen Hallen kennt man die Rache nicht . . ., weil man dem Feind vergibt". Dass es keinen Revanchismus geben sollte, das ist das ganz Große an der "Zauberflöte". Das habe ich auch den Bürgern erklärt, die zu mir als Volksanwalt gekommen sind. Die sind dann ganz ruhig geworden. Da ging es nicht nur um Recht, sondern um Menschliches.

Nikolaus Schwärzler: "Wir heften uns nicht die Aufklärung reißerisch auf die Fahnen. Wir arbeiten eher im Stillen, jeder im Rahmen seiner profanen Möglichkeiten." Foto: Pessenlehner

Die Freimaurerei ist rund 300 Jahre alt. Sie sind im Moment der Großmeister, also Vorsitzende des von England anerkannten Freimaurerbundes in Österreich. Was macht heute noch den Reiz aus, Freimaurer zu sein?

Dass ich mich nicht an vorgegebene Weltbilder anlehne, sondern mich bemühe, frei zu stehen. Dass ich stets alles hinterfrage: "Kann das stimmen?". Es ist ein positives Misstrauen gegenüber der Welt. Man muss dann aber auch bereit sein, das Gegenteil anzunehmen. Das ist mehr als Toleranz, nämlich dass man vorurteilsfrei das Gespräch sucht. "Weil wir am Tempel der allgemeinen Menschenliebe bauen", wie es in unserem Ritual heißt.

Wie grenzen Sie sich dabei von den Religionen ab?

Glauben zu können, ist eine Gnade. Aber nicht glauben zu müssen, ist auch eine Gnade! Die Freimaurerei bleibt am Boden. Mit dem Begriff des "Baumeisters aller Welten" bezeichnen wir die Vorstellung von einem Schöpfer. Außerhalb von uns Geschöpfen gibt es die Achtung vor dem Menschen. Im österreichischen Schulorganisationsgesetz steht der Satz, das Herz sei "für alles Wahre, Gute und Schöne zu erwärmen". Das ist ein freimaurerischer Grundsatz.

Es heißt, ein Freimaurer soll "am rauen Stein", also an sich selbst, arbeiten. Ist das nicht ein Vorwand für etwas, wobei eigentlich das "Networking" unter Männern überwiegt?

Natürlich sind auch Männer dabei, die Freude am "Networking" haben. Und wenn ich einem Bruder vertraue, der Geschäftsmann ist, ist es selbstverständlich, dass ich lieber mit ihm Geschäfte mache. Nur: In der Freimaurerei geht es darum, anderen Männern zuzuhören, wenn sie sagen, was ihnen wichtig ist, und darüber in einer Offenheit zu diskutieren, wie es sonst nicht zu erwarten ist.

Aber was kann die Freimaurerei, was zum Beispiel die Rotarier oder der Lions Club nicht können? Deren Mitglieder engagieren sich ja auch offen karitativ.

Das sind Service-Clubs, die die beruflichen Geschäfte ihrer Mitglieder fördern und den Grundsatz praktizieren, "Tue Gutes und rede darüber" - das ist in den Societykolumnen der Zeitungen regelmäßig nachzulesen. Wir tun auch Gutes, reden aber nicht darüber. Dazu gehört die Arbeit an sich selbst und das Bemühen um Veränderungen in der Gesellschaft.

Warum schließen Sie die Hälfte der Bevölkerung, also die Frauen, davon aus? "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" sind ja wesentliche Grundsätze in der Freimaurerei.

Das ist ganz einfach zu erklären: Die Freimaurerei ist in England entstanden, fußt auf den damaligen Bauhütten, und die waren von Männern dominiert. Daran hat sich auch nichts geändert, als die operative ( handwerkende, Anm. ) Freimaurerei zur spekulativen ( intellektuellen, Anm. ) Freimaurerei geworden ist. Das ist eine Vorgabe aus England: Wenn wir von der Großloge von England ( welche die Stellung eines primus inter pares unter den Logen hat, Anm. ) anerkannt bleiben wollen, haben wir keine andere Wahl. Aber es gibt auch weibliche Freimaurer, etwa in den schottischen Logen oder im Orden des französischen "Droit Humain". Und aus Gesprächen weiß ich, dass die Frauen dort ebenfalls unter sich sein wollen, darüber gibt es einen Grundkonsens. Ich schätze die Arbeit der Freimaurerinnen sehr, sie arbeiten mindestens so gewissenhaft wie die Männer.

Wird sich die Stellung der Frau in der Freimaurerei jemals ändern, sieht man von den abgespaltenen Richtungen ab? Das heißt, wird sich der Männerbund jemals öffnen?

Das kann ich nicht sagen, alles ist denkbar. Ich kann keine Entwicklung ausschließen.

Wie sind Sie denn selbst zur Freimaurerei gekommen?

Über die Theologie.

Nikolaus Schwärzler. Foto: Pessenlehner

Das ist aber interessant. . .

Ja, ich habe die dreijährige Ausbildung zur theologischen Laienbildung absolviert und bin draufgekommen, dass die Freimaurerei ein Feindbild der katholischen Kirche war. Da hab´ ich mir gedacht, "so schlecht können die dann ja nicht sein". Ich hatte eine sehr konservative Tante, die behauptete, "bei der Aufnahme müssen die Freimaurer auf die Hostie spucken".

Freimaurer zu sein bedeutete ja für Katholiken, exkommuniziert zu sein.

Im geltenden Kirchenrecht kommt dieser Passus nicht mehr vor. Mittlerweile hat in der katholischen Kirche die Ratio Einzug gehalten. Außerdem ist die Kirche nicht mehr der Machtfaktor, der sie einmal war, und sie verliert Mitglieder.

Dass sich das Verhältnis der katholischen Kirche zur Freimaurerei in Österreich entspannt hat, dazu soll auch Kardinal König beigetragen haben. War er selbst Freimaurer - oder darf man so etwas gar nicht fragen?

Nein, Kardinal König war kein Freimaurer. Aber er war dem freimaurerischen Gedankengut gegenüber sehr aufgeschlossen.

Stimmt es, dass die Freimaurerei in manchen Ländern Schwierigkeiten hat, Mitglieder zu finden?

In den USA zum Beispiel ist die Anzahl der Mitglieder in den letzten 50 Jahren von vier Millionen auf zwei Millionen zurückgegangen. Die Freimaurerei ist dort oberflächlicher. . .

Wie so vieles. . .

Richtig. Die Freimaurerei hat in den USA einen viel größeren Charity-Charakter und ersetzt zum Teil den Sozialstaat.

Als ich von meinem Interview mit Ihnen berichtete, hat man in der Redaktion geglaubt, Sie würden heute vielleicht mit Kapuze auftreten.

(lacht) Ja, freilich, mit Schlitzen. . .

Aber es scheint immer noch viele Vorurteile zu geben. In Österreich eilt den Freimaurern immer noch ein obskurer Ruf voraus. Woher kommt das?

Das ist historisch erklärbar. Es gibt verschiedene bildliche Darstellungen, wo man Freimaurer mit Kapuze, verbundenen Augen oder einem Strick um den Hals sieht. Wenn Sie das Freimaurermuseum in Rosenau besuchen, sehen Sie zum Beispiel die sogenannte dunkle Kammer. Dort erläutert der "vorbereitende Meister" den Kandidaten, wie sie sich auf die Initiation, die Aufnahme, vorbereiten sollen. Und fügt hinzu: "Sie haben nichts zu befürchten". Später gibt er sich dann zu erkennen.

Als wir zum Interview hierher kamen und das Eingangstor nicht gleich öffnen konnten, haben wir im gegenüber liegenden Geschäft nachgefragt, wie man denn hier hereinkomme. Da sagte man uns: "Das ist ein Geheimbund".

(lacht) Da lach´ ich mich krumm, ein Geheimbund! Unsere Logen sind Vereine, und diejenigen, die ihren Verein repräsentieren, sind im Vereinsregister einsehbar.

Aber worin besteht dann das Geheimnis der Freimaurer?

Das ist ein Feeling , das ich Ihnen nicht mitgeben kann. Die Initia- tion, die Aufnahme als Freimaurer, ist ein einzigartiges Erlebnis, und die wöchentlichen Treffen der Brüder im Rahmen des freimaurerischen Rituals sind auch besondere Erlebnisse.

Dennoch fällt auf, dass der Umgang mit der Freimaurerei in anderen Ländern viel offener ist als hierzulande. Speziell in Frankreich wird in Wochenmagazinen immer wieder ausführlich über freimaurerische Themen berichtet. In Österreich gibt sich die Freimaurerei viel bedeckter. Ist das eine Art Selbstschutz auf Grund der Vergangenheit?

Ja, das ist auch Selbstschutz. Wir galten als "Kirche Satans" oder als "Anti-Christ" schlechthin. Unlängst hat eine Wissenschafterin eine Arbeit über die spanischen Freimaurer unter Franco veröffentlicht: Die wurden erschossen, ohne Verfahren.

Es ist bemerkenswert, dass besonders in der Geschichte des 18. Jahrhunderts und der Aufklärung Freimaurer eine bedeutende Rolle spielten.

Ich glaube nicht, dass das ein Zufall ist. Aber es waren keineswegs alle bedeutenden Persönlichkeiten Freimaurer. Kant zum Beispiel, auf dessen ethischer Handlungsmaxime auch die Freimaurerei gründet, war kein Bruder. Wir haben das Glück, dass es große Männer gab in der Geschichte der Freimaurerei. Und auch in modernen Zeiten. Fred Sinowatz sagte den richtigen Satz, über den viele Menschen allerdings lachen: "Es ist alles sehr kompliziert". Das war seine ehrliche Einschätzung. Er war Freimaurer.

Dürfen Sie das überhaupt sagen, müssen Sie nicht eine Art Deckung wahren?

Wenn jemand "in den ewigen Osten" gegangen, also verstorben ist, darf man es sagen.

Sie haben in Ihrer Funktion als Großmeister ein neues Maß an Offenheit in Österreichs Freimaurerei eingeführt und sich im Vorjahr einer Reihe von öffentlichen Diskussionsrunden zu freimaurerischen Themen im Wiener Konzerthaus gestellt. Warum machen Sie es anders als Ihre Vorgänger?

Ich bin nicht dazu da, für die Freimaurerei Werbung zu machen. Aber ich stelle mich dem Dialog mit der Öffentlichkeit. Ich wäre bereit, mich nach einiger Zeit wieder solchen Diskussionsrunden zu stellen.

Ich nehme an, damit machen Sie sich intern nicht nur Freunde.

Bei uns herrscht diesbezüglich weder ein Klima der Feindschaft noch der Euphorie.

Die Freimaurer in Österreich könnten doch auch als Verein am eigenen "rauen Stein" arbeiten und sich in gesellschaftspolitischen Diskussionen stärker einbringen, wie das in anderen Ländern der Fall ist. Das würde das traditionell katholische Land etwas durchlüften. Es ist so, dass wir das weder wollen noch dürfen. Und es ist kein primäres Anliegen. Wir heften uns nicht die Aufklärung reißerisch auf die Fahnen. Wir wollen eher im Stillen arbeiten, jeder im Rahmen seiner profanen Möglichkeiten.

Aber ist denn das befriedigend?

Ja, weil ich meine Überzeugung glaubwürdig transportieren kann. Ich will nicht in das Mediengeschrei einstimmen. Als meine Familie einmal zu Hause am Mittagstisch saß und diskutierte, fragte mich meine erwachsene Tochter: "Na, Papa, was sagst denn du dazu? Du weißt doch sonst immer auf alles eine Antwort". Da habe ich zuerst gar nichts gesagt und dann gemeint, "ich muss erst nachdenken". Sehen Sie: Das ist freimaurerisch, wenn man kritisch gegenüber sich selbst ist. Ich möchte zuerst wissen und dann handeln.

Demnach gibt es wohl viel mehr freimaurerisch gesinnte Menschen, als Sie Mitglieder haben.

Absolut!

Wenn ich Sie richtig verstanden habe, dann wäre aus Ihrer Sicht die Welt eine bessere, wenn alle oder wenigstens die meisten freimaurerisch denken würden. Oder wollen Sie doch lieber eine kleine, feine Elite bleiben?

Es wäre wünschenswert, dass die Freimaurerei wächst. Dass sie

in der Gesellschaft einmal den Stellenwert genießt, der ihr gebührt.

Nikolaus Schwärzler im Gespräch mit Heike Hausensteiner. Foto: Pessenlehner

Zur Person

Nikolaus Schwärzler, geboren 1941, ist seit 30 Jahren Freimaurer und seit zwei Jahren Großmeister der Großloge von Österreich, in welcher Funk- tion er sich selbst ironisch als "erster Diener" bezeichnet. Der gebürtige Vorarlberger war ursprünglich Buchhändler, absolvierte im zweiten Bildungsweg die Reifeprüfung, studierte Jus sowie Sozial- und Wirtschaftswissenschaften. Er war u.a. am Verwaltungsgerichtshof, Verfassungsgerichtshof und Unabhängigen Bundesasylsenat tätig sowie Lehrbeauftragter der Universität Innsbruck. Von 1985 bis 1997 war er Landesvolksanwalt von Vorarlberg.

Schwärzler entstammt einer konservativen katholischen Familie und hat eine Schwester, die Nonne ist. Zur Freimaurerei kam er über die Theologie. Nikolaus Schwärzler wurde in Innsbruck in die Freimaurerei aufgenommen. Männer können ein offizielles Ansuchen an die Großloge von Österreich richten oder durch einen "Bürgen", der schon Freimaurer ist, als Kandidaten empfohlen werden. Das Aufnahmeverfahren dauert etwa zwei Jahre. In dieser Zeit müssen sich die "suchenden" Kandidaten drei ausführlichen Interviews mit "Brüdern" stellen. Im Moment gibt es österreichweit 3098 Freimaurer, die Mitgliederanzahl wächst jährlich um rund fünf Prozent. Auf Schloss Rosenau im Waldviertel befindet sich ein informatives Freimaurermuseum.

Heike Hausensteiner hat Romanische Philologie und "European Studies" studiert. Von 1996 bis 2005 war sie Politikredakteurin der "Wiener Zeitung". Nun arbeitet sie als freie Journalistin in Wien.