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Nilde Iotti 1920 bis 1999

Von Rainer Mayerhofer

Politik

Rom · Nilde Iotti, die langjährige Präsidentin des italienischen Abgeordnetenhauses, ist Samstag 79-jährig einem Krebsleiden erlegen. Seit ihrer Wahl in die Verfassungsgebende Versammlung im | Jahr 1946 gehörte sie 53 Jahre ununterbrochen dem Parlament an, 13 Jahre davon war sie Präsidentin.


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Am 10. April 1920 in Reggio Emilia als Tochter eines Eisenbahners geboren, der wegen seiner Zugehörigkeit zur Sozialistischen Partei schon 1923 seinen Arbeitsplatz verloren hatte, besuchte Nilde

Iotti eine katholische Ordensschule und besuchte in Mailand die Katholische Universität, wo sie Philosophie und Literatur studierte. Nach Abschluß ihres Studiums unterrichtete sie an einem

Technischen Institut und schloß sich dem Widerstand an.

1946 wurde sie für Kommunistische Partei im Wahlkreis Parma in die Verfassungsgebende Versammlung gewählt, 1948 in das Abgeordnetenhaus, dem sie als letzte Mandatarin der ersten Stunde bis zur

krankheitsbedingten Niederlegung ihres Sitzes am 18. November dieses Jahres ununterbrochen angehörte. Vor den Wahlen 1948 stellte sie zum Feiern des Wahlsieges eine Flasche Champagner bereit. Sie

sollte erst 48 Jahre später, als Romano Prodi mit seiner Linkskoalition Ulivo die Wahlen gewann, geöffnet werden.

1946 lernte die damals 26-jährige durch ihre Parlamentsarbeit den legendären KPI-Chef Palmiro Togliatti kennen. Bis zu seinem überraschenden Tod im Yalta im Jahr 1964 wurden sie ein unzertrennliches

Paar, das · da Togliatti verheiratet war und Ehescheidung in Italien damals unmöglich · nicht nur heftigen Angriffen des Vatikans und der katholischen Kreise, sondern auch des kommunistischen

Establishments ausgesetzt war. Als Togliatti bei einem Attentat am 14. Juli 1948 schwer verletzt worden war, verbot man der Lebensgefährtin sogar den Zutritt ins Krankenhaus. Als sich später die

Wellen etwas glätteten, adoptierte das Paar 1950 eine Tochter.

1956 zog Nilde Iotti in das KPI-Zentralkomitee ein, 1962 in das Parteidirektorium. 1968 wurde sie stellvertretende KPI-Fraktionsvorsitzende im Abgeordnetenhaus und Mitglied des Europäischen

Parlaments, 1972 Stellvertreterin des sozialistischen Kammerpräsidenten Sandro Pertini, 1976 Vorsitzende des parlamentarischen Ausschusses für Verfassungsfragen.

Am 20. uli 1979 wurde sie als erste Frau in die Funktion des Präsidenten des Abgeordnetenhauses gewählt, nach dem Amt des Staats- und des Senatspräsidenten die dritthöchste Funktion in Italien. In

dieser Funktion wurde sie auch in den kommenden Legislaturperioden bis zum Frühjahr 1992 bestätigt. Ihre unbestechliche und überparteiliche Amtsführung verschaffte ihr auch den Respekt der

politischen Gegner und den Beinahmen "Rote Königin". Mit Strenge und natürlicher Autorität wachte die stets elegante Nilde Iotti, das Haar immer zu einem Knoten aufgesteckt, dass im nicht immer

einfach zu führenden italienischen Parlament alles mit rechten Dingen zuging.

Nachdem sie 1992 vom Staatspräsidenten Oscar Luigi Scalfaro als Kammerpräsidentin abgelöst worden war, war sie Kandidatin ihrer Partei bei den Präsidentenwahlen und führend in der gemeinsamen

Kommission von Abgeordnetenhaus und Senat für die Verfassungsreform tätig.

Als sie · von ihrer schweren Krankheit gezeichnet · am 18. November in einem Brief die Rücklegung ihres Mandates bekanntgab, erhielt sie Applaus vom gesamten politischen Spektrum, das ihre

vorbildlichen politischen Stil würdigte.

Das Staatsbegräbnis von Nilde Iotti, die den Wandel der KP zur nunmehr regierenden reformkommunistischen Linkspartei PDS Anfang der 90er Jahre unterstützt hatte, findet Montag nachmittag in Rom

statt.

Nach dem Tod des mehrmaligen Premiers Amintore Fanfani vor zwei Wochen und des Senators auf Lebenszeit Leo Valiani vor zwei Monaten ist Iotti die dritte "Gründerin" der italienischen Republik, die

binnen weniger Wochen gestorben ist.