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Großbritannien trauert, die Politik steht deshalb still. Regierungschefin Liz Truss hat nun ungewöhnliche Rolle.
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Eigentlich hatten diese Woche Großbritanniens Regierung und Opposition im Parlament um ein dringliches Hilfspaket für die Bevölkerung an der Inflations- und Energiekosten-Front ringen sollen. Die erst vor einer Woche ins Amt gekommene Premierministerin Liz Truss hatte ja vorigen Donnerstag Sofortmaßnahmen von beispiellosem finanziellem Umfang angesagt. Noch während die betreffenden Debatte lief, starb allerdings Königin Elizabeth II. auf Schloss Balmoral in Schottland. Und seit dem Tod der Queen ist aller politischer Streit in Westminster schlagartig verstummt.
Alle Politik liegt auf Eis, bis nach dem Staatsbegräbnis am kommenden Montag. Whitehalls Ministerien sind angewiesen, keine Kommuniques herauszugeben und keine neuen Maßnahmen zu ergreifen, bis die Trauerperiode beendet ist.
Tatsächlich wäre es auch schwierig, im Parlament - dem Palast von Westminster - mit "normalem" Betrieb fortzufahren. Am Montag waren schon einmal sämtliche Mitglieder des Unter- und Oberhauses zusammengerufen worden, um in der tausend Jahre alten Westminster Hall im Parlamentsgebäude dem neuen König ihr Beileid auszusprechen und ihn ihrer unverbrüchlichen Loyalität zu versichern.
Mit einem dankbaren kleinen Lächeln nahm Charles III. die Ehrerbietung entgegen und gelobte seinerseits, die britische Demokratie mit allen Kräften zu unterstützen. Fanfarenstöße und die Nationalhymne mit dem neuen Text - "God Save the King" - untermalten die feierliche Zeremonie, den Pakt zwischen Krone und Parlament.
Von Mittwoch an wird dann die Königin in ihrem Sarg für vier Tage und fünf Nächte in der Westminster Hall aufgebahrt. An politischen Streit im Hohen Hause ist dann schon gar nicht mehr zu denken. Allen Parlamentariern ist es wichtig, für die Dauer der Trauerperiode den Frieden zu wahren und demonstrativ zusammenzustehen.
Auch der Gewerkschaftsbund TUC hat seinen Jahreskongress aus Respekt für die tote Monarchin abgesagt. Allerdings soll der Kongress nur kurzzeitig verschoben sein. Die täglich wachsende Notlage so vieler Menschen erlaube keine längere Verzögerung als unbedingt nötig, hat der TUC verkündet. Auch in aller Eile abgesagte Streiks sollen unmittelbar nach dem Staatsbegräbnis wieder anlaufen, quer durchs Königreich.
Truss steht plötzlich an der Seite des neuen Königs
Unterdessen hat die Regierung gelobt, dass die vorige Woche angekündigten Maßnahmen zur Begrenzung der Gas- und Strompreise zum 1.Oktober auf jeden Fall in Kraft treten würden. Man werde das "in privaten Verträgen" mit den Energie-Unternehmen vereinbaren, wenn man schon keine neuen Gesetze zur Zeit verabschieden könne.
Für die Premierministerin, die von der Queen vorigen Dienstag noch mit der Regierungsbildung beauftragt wurde, steht die Welt ohnehin Kopf dieser Tage. Liz Truss hatte ja, zum Einzug in Downing Street, jede Menge Pläne für "politische Feuerwerke" gleich zu Beginn ihrer Amtszeit gemacht.
Stattdessen fand sie sich in einer völlig unerwarteten Rolle wieder. Letzten Donnerstag musste sie das Ableben der Queen in Schwarz gekleidet vor der Tür von No 10 bestätigen. Am Freitag wurde sie von König Charles im Buckingham-Palast zu einer ersten Audienz empfangen. Und am Samstag nahm sie an der Proklamation des neuen Monarchen in St. James’s Palace teil.
Am Montag wohnte sie dem Charles-Besuch im Westminster Hall bei, um dann, wie der König, nach Edinburgh zu fliegen. Und wie Charles, will sie am Dienstag im nordirischen Hillsborough und am Freitag in Cardiff sein. Als ihr zu Wochenbeginn vorgeworfen wurde, sie nutze die Trauer um die verstorbene Queen zu einer "Tournee" durchs Königreich an der Seite des neuen Monarchen, ließ sie das allerdings eilends dementieren.
Weder "begleite" sie den König noch könne von einer "Tournee" die Rede sein, hieß es in der Regierungszentrale. Unbestritten blieb freilich, dass Truss in der gegenwärtigen Lage eine begreifliche Chance sieht, sich der Bevölkerung zu präsentieren und zu einem vertrauteren Gesicht im Lande zu werden - und das zu einer Zeit nationaler Einheit, nicht in der Hitze bitteren Gefechts.
Sarg der Queen wird nach London überführt
Der Leichnam von Queen Elizabeth II. wird am Dienstag von Schottland in die britische Hauptstadt London überführt. Ein Flugzeug mit dem Sarg soll um 19.00 Uhr mitteleuropäischer Zeit vom Flughafen der schottischen Hauptstadt Edinburgh abheben und knapp eine Stunde später landen. Mit an Bord ist Queen-Tochter Prinzessin Anne. Der Sarg wird zum Buckingham-Palast gefahren, wo er über Nacht bleibt.
Zuvor hatten in Edinburgh die Menschen die Möglichkeit, in der St.-Giles-Kathedrale von der Königin Abschied zu nehmen. König Charles III. wird den Sarg nicht in London begrüßen. Der Monarch und seine Ehefrau reisen am Dienstag von Edinburgh nach Nordirland.
In der nordirischen Hauptstadt Belfast besuchen König Charles und Königin Camilla eine Ausstellung über die lange Bindung von Elizabeth II. mit der britischen Provinz im Schloss Hillsborough. Zudem sind Treffen mit dem britischen Nordirland-Minister Chris Heaton-Harris und Chefs der nordirischen Parteien geplant. Im Regionalparlament wird Charles eine Beileidsbekundung entgegennehmen. Später nimmt das Königspaar an einem Gebet in der St.-Anne-Kathedrale teil.
In der St.-Giles-Kathedrale in Edinburgh haben am Montagabend die vier Kinder der verstorbenen Königin Elizabeth II. die Totenwache übernommen. König Charles III. (73), Prinzessin Anne (72), Prinz Andrew (62) und Prinz Edward (58) standen an den vier Seiten des Sarges.
Fast jeder zweite Erwachsene weinte
In Großbritannien hat einer Umfrage zufolge wegen des Todes der Queen geweint. 44 Prozent der Befragten haben demnach eine Träne verdrückt, wie am Montag das Meinungsforschungsinstitut YouGov mitteilte. Bei Frauen und Menschen über 65 war es demnach mehr als die Hälfte (jeweils 55 Prozent). Deutlich seltener weinten dagegen Wähler der Oppositionspartei Labour (37 Prozent) und Männer (32 Prozent).
Auf breite Zustimmung trifft die Entscheidung, den Tag des Staatsbegräbnisses (19. September) zum arbeitsfreien Feiertag zu erklären - dies unterstützen 86 Prozent.

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