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Noch ein Schweizer in "Mainhattan"

Von WZ-Korrespondentin Eva Glauber

Wirtschaft

Reto Francioni folgt Werner Seifert. | Neuerungen auch im Aufsichtsrat. | Frankfurt. Wieder soll ein Eidgenosse Vorstandvorsitzender der Deutschen Börse werden. Der Personalausschuss des Aufsichtsrates schlug am Montag den Chef der Schweizer Börse SWX, Reto Francioni, für das Spitzenamt in der Frankfurter Finanzwelt vor.


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Fünf Monate hat die Suche gedauert. "Der Bestellungsvorschlag ist das Ergebnis eines intensiven und straff geführten Suchprozesses unter Topmanagern in Europa und den USA", heißt es in einer Mitteilung der Deutschen Börse.

Der Schweizer Francioni soll dem Schweizer Werner Seifert nachfolgen, der im Mai zurückgetreten ist. Der Aufsichtsrat selbst muss noch bei seiner nächsten Sitzung am 10. Oktober zustimmen. Der Börsenrat als Vertreter der Kunden des Unternehmens wird der Berufung des bisherigen Chefs der Schweizer Börse nicht im Wege stehen, sagte dessen Vorsitzender Lutz Raettig.

Laut Medienberichten gab es in dem Gremium Vorbehalte gegen Francioni. Er stehe zu wenig für eine Neuorientierung in der Geschäftsstrategie der Deutschen Börse, hieß es.

Erste Wahl für Spitzenposten

Dabei gilt Francioni in Branchenkreisen als erste Wahl für den Topjob unter den Bankentürmen von "Mainhattan". Nach dem Karrierebeginn 1986 im Börsensektor der Credit Suisse hatte er den Schweizer Teil der heutigen Terminbörse Eurex aufgebaut. Die Führungsstruktur der Deutschen Börse kennt Francioni bereits von innen: Nach dem Wechsel zum Vorstandsmitglied 1993 entwickelte er in Frankfurt den neuen Markt Nemax. Jetzt muss über die weitere Positionierung des profitablen Wertpapierhandels in Europa entschieden werden. Die von Vorgänger Seifert in mehreren Anläufen betriebene Übernahme der Londoner Börse LSE war gescheitert, weil sie nach Ansicht der Aktionäre - darunter vor allem der Hedgefond TCI des Briten Christopher Hohn - zu teuer gekommen wäre.

Erzwungener Weggang aus Frankfurt

Die Rückkehr vom Zürichsee an den Main dürfte für Francioni eine Genugtuung bedeuten. Offenbar weil er in Francioni einen Rivalen witterte, hatte Seifert ihn im Jahr 2000 aus dem Vorstand der Deutschen Börse gedrängt. Francioni ging als Vorstandschef zum Online-Broker Consors nach Nürnberg. Als es auch dort zu Unstimmigkeiten kam, wechselte er 2002 als Präsident zur SWX. In dieser Funktion verhandelte er im vergangenen Jahr vergeblich mit der Deutschen Börse über eine engere Kooperation.

Der umgängliche Hobby-Angler Francioni gilt in Frankfurt als das charakterliche Gegenteil des visionären, aber zuweilen arroganten Freizeit-Jazzers Seifert. Nach zwölf Jahren an der Vorstandsspitze waren Seifert und der Chef des Aufsichstsrats, Rolf Breuer, an mangelndem Geschick im Umgang mit den Aktionären gescheitert. Auf deren Drängen erklärte Seifert im Mai seinen Rücktritt. Breuer scheidet im Oktober als Aufsichtsratsvorsitzender aus. Nachfolger Breuers an der Spitze des Aufsichtsgremiums wird Kurt Viermetz, der bisher dem Aufsichtsrat der Immobilienbank Hypo Real Estate vorsaß und die Übernahme der Münchner Hypo-Vereinsbank (HVB) durch die italienische Unicredito mit eingefädelt haben soll. Auf Drängen der Aktionäre muss die Deutsche Börse acht ihrer zwölf Aufsichtsratssitze neu besetzen. Neu in den Aufsichtsrat der Deutschen Börse soll unter anderm der CDU-Finanzexperte Friedrich Merz kommen. Auch diese Personalentscheidungen sollen bei der Aufsichtsratssitzung am 10. Oktober abgesegnet werden.