Zum Hauptinhalt springen

Noch einmal Kirchner, nur mit Rock

Von Alexander U. Mathé aus Argentinien

Politik

Cristina Kirchner klare Favoritin. | Popularität des Ehemannes hilft. | Evita und Hillary als Vorbilder. | BuenosAires. Der fliegende Wechsel des Ehepaars Kirchner an der argentinischen Staatsspitze ist so gut wie perfekt. Nur die Wähler müssen bei den Präsidentenwahlen am Sonntag noch mitspielen.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 16 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Das amtierende Staatsoberhaupt, Linksperonist Néstor Kirchner, hat erklärt, sich mehr um die Strukturen seiner Partei kümmern zu wollen, und hat stattdessen seiner Frau, Cristina Fernandez de Kirchner, den Vortritt gelassen, sich um das höchste Amt im Staate zu bewerben. Die Chancen, dass aus der First Lady eine Präsidentin und aus dem Präsidenten ein First Gentleman wird, stehen gut. Die Umfragen sagen Cristina Kirchner mehr als 40 Prozent der Stimmen voraus und einen mehr als zehnprozentigen Vorsprung auf ihre Verfolger. Damit würde sich laut argentinischem Recht sogar ein zweiter Durchgang erübrigen. Den guten Umfragewerten zum Trotz ist Cristina Kirchner jedoch nicht unumstritten.

Selbst kokettiert sie gerne mit dem Vergleich mit Evita Perón, der gefeierten, sozial engagierten Frau des früheren argentinischen Präsidenten Juan Domingo Perón. Auch der Vergleich mit der US-Senatorin Hillary Clinton ist ihr wohl genehm, die ebenso wie Kirchner gute Chancen hat, nach ihrem Mann das Präsidentenamt zu ergattern. Doch manch einer hat ein anderes Bild von ihr. "Nuestra Señora del Shopping", unsere liebe Frau des Shoppings, hat ihr eine Biografin einen unangenehmen wie populären Spitznamen gegeben. Überaus stark geschminkt und in täglich neues Luxusgewand gekleidet, wird ihr Arroganz und Machthunger nachgesagt.

Journalisten haben es schwer mit ihr. Interviews oder Pressekonferenzen gibt sie fast nie, und wenn doch, dann müssen sich die Redakteure darauf gefasst machen, angeschnauzt zu werden. Bezeichnend ist, dass sich Cristina Kirchner lieber mit Spitzenpolitikern in der ganzen Welt trifft, statt in Argentinien für ihre Wahl zu kämpfen. Wirklich nötig scheint sie das auch gar nicht zu haben, da sie enorm von der Popularität ihres Mannes profitiert.

Aus der Krise zu

stabilen Verhältnissen

Néstor Kirchner hat bei vielen Argentiniern einen Status als Retter der Nation. Denn er hat Argentinien aus der Wirtschaftskrise von 2001/2002 geführt. Der Staat war bankrott, die Armutsrate auf 57 Prozent und die Arbeitslosenraten auf 23 Prozent gestiegen. Protestwellen waren die Folge, Supermärkte wurden geplündert, bei den Aufständen fanden Dutzende Menschen den Tod. Dem wirtschaftlichen Desaster folgte das politische. Präsidenten wechselten einander teilweise im Wochentakt ab, bis im Mai 2003 Néstor Kirchner mit nur 22 Prozent der Stimmen zum Staatsoberhaupt gekürt wurde. Ihm gelang es, Argentinien aus der Wirtschaftskrise zu führen, sodass heute in Argentinien recht stabile Verhältnisse vorherrschen.

Nun erwarten viele Wähler, dass Cristina Kirchner den Kurs ihres Mannes fortführt. "Das ist der Kirchner, nur mit Rock", sagte Raúl Castells, Anführer einer Protestbewegung, der selbst für das Präsidentenamt kandidiert. Und tatsächlich punktet Cristina mit dem Versprechen, dass alles bleibt, wie es ist, und das vorherrschende Wirtschaftsprogramm beibehalten wird. Dessen Erfolge lassen sich durchaus sehen. Fast könnte man von einer Goldgräber-Stimmung in Argentinien sprechen.

Seit der Ära Kirchner hat Argentinien ein konstant hohes Wirtschaftswachstum, das 2007 laut Prognosen neun Prozent betragen soll. In Südamerika ist das das zweithöchste nach Venezuela. Die Exporte nehmen zu, Argentinien hat eine positive Handelsbilanz, im Land herrscht ein Bauboom und das Bruttoinlandsprodukt (BIP) steigt seit drei Jahren ebenso ununterbrochen wie die Nachfrage im Inland. Dazu konnte Kirchner die Schulden in Milliardenhöhe beim Internationalen Währungsfond (IWF) begleichen. Die Inflation beläuft sich laut offiziellen Angaben auf neun Prozent.

Zweifel am

Wirtschaftswunder

Doch auch diese Zahlen sind durchaus umstritten. So beglich Argentinien beispielsweise seine IWF-Schuld dadurch, dass Venezuela unter dem linkspopulistischen Präsidenten Hugo Chávez dies teilweise durch die Zeichnung von argentinischen Staatsanleihen in Milliardenhöhe stützte. Auch das Wirtschaftswachstum und der BIP-Anstieg sind bösen Zungen zufolge eher darauf zurückzuführen, dass man nach der Krise wieder bei Null begonnen hat als auf ein wirtschaftspolitisches Wunder. Dazu soll die angegebene Inflationsrate ebenfalls nicht ganz sauber sein.

"Schauen Sie, ich bin ein einfacher Mann", sagt Martín, ein Chauffeur aus Buenos Aires. "Ich habe nicht Wirtschaft studiert, aber ich weiß, was ich sehe. Dasselbe Paar Schuhe, dass ich vor einem Jahr um 100 Pesos gekauft habe, kostet jetzt 200. Das sind 100 Prozent mehr, aber die Regierung erzählt uns, dass wir eine Inflation von nur neun Prozent haben. Da stimmt doch etwas nicht."

Gerüchte sagen, das Ehepaar Kirchner habe den Posten des Direktors des statistischen Zentralamts mit einem Getreuen besetzt, der die Inflationsstatistik zu Gunsten der Regierung geschönt haben soll. Unabhängigen Experten zufolge beläuft sich die tatsächliche Teuerung auf 15 bis 25 Prozent.

Die Opposition ist

zu zersplittert

Der Opposition ist es jedoch nicht gelungen, Gerüchte und Kritik zu ihren Gunsten zu kanalisieren. Mit ein Grund dafür ist die Zersplitterung der Kirchner-Gegner. 13 Kandidaten bestreiten neben Kirchner das Rennen um das Präsidentenamt, die stärksten unter ihnen sind die Mitte-Links-Kandidatin Elisa Carrió, Ex-Wirtschaftsminister Roberto Lavagna und der Konservative Ricardo Lopez Murphy. Nicht mit dabei ist jedoch der aussichtsreichste Kandidat, Mauricio Macri, der die Wahlen in der Hauptstadt Buenos Aires überlegen gewonnen hat.

Er will angeblich erst 2011 antreten und die Opposition einen. Spaziergang wird das allerdings keiner, da sich sein Einfluss derzeit noch auf Buenos Aires beschränkt. Somit kann sich Cristina Fernandez de Kirchner vorerst zurücklehnen und in aller Ruhe ihrem wahrscheinlichen Sieg entgegensehen.

Der Status Quo spricht für Kirchner