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Nordkorea verleiht sich Schubkraft: Militärische Stärke als Notventil

Von Georg Friesenbichler

Analysen

Just zum amerikanischen Unabhängigkeitstag, am 4. Juli, brannten die Nordkoreaner ein spezielles Feuerwerk ab: Mehrere Raketen wurden abgeschossen, darunter auch eine, die Randzonen der USA erreichen könnte - wenn sie einmal funktioniert. Bei ihrem ersten Test stürzte das Taepodong-2-Geschoss nach etwa 40 Sekunden ins Meer.


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Raketentests sind nicht verboten. Es gibt kein internationales Abkommen dazu. Lediglich zwischen USA und Russland - damals noch Sowjetunion - wurde in der Achtziger Jahren der Abbau der Arsenale von Interkontinentalraketen und auch von Nuklearwaffen mittlerer Reichweite vereinbart. Nordkorea hatte sich zwar 1999 in einem - 2004 erneuerten - Moratorium verpflichtet, Raketentests zu stoppen. Mittlerweile betrachtet es die Vereinbarung aber als hinfällig. Auch wenn sie mit Japan abgeschlossen wurde, gibt Pjöngjang als Grund dafür an, dass es keine Direktgespräche mit den USA gebe.

Nordkorea drängt zu direkten Verhandlungen. Wie mit dem Iran geht es auch hier um mögliche Atomwaffen - die Koreaner behaupten, schon über sie zu verfügen. Die Sechs-Nationen-Gespräche zur Lösung dieses Atomstreits sind seit vergangenem Jahr festgefahren. Sogar in den USA mehren sich Stimmen, die für Direktgespräche plädieren. Der Raketentest untergräbt freilich die Verhandlungsbasis weiter.

Aber der Diktator Kim Jong Il sieht keine andere Möglichkeit, die Position seines Landes anders als durch militärische Provokationen zu stärken. Der Staat liegt wirtschaftlich und politisch darnieder. Gerade das könnte ein Grund sein, Stärke zu demonstrieren - als nationalistischer Klebstoff für die darbende Bevölkerung. Beobachter spekulieren auch, dass Kim mit den Tests die konservativen Militärs zufrieden stellen will. Und schließlich stellt die Waffentechnologie wahrscheinlich auch einen Devisenbringer dar - auch wenn die Verbindungen zum iranischen Raketenprogramm nicht bewiesen sind.

Die internationale Strategie der Nordkoreaner besteht jedenfalls darin, insbesondere die Region in Unsicherheit zu halten. Dies gelingt auch dann, wenn das eigentliche Ziel, die eigene Verhandlungsposition zu stärken, damit nicht erfüllt wird. Japan droht, per Gesetz militärische Aufklärungssatelliten zu erlauben. Schon den Test der Taepodong-1 mit kürzerer Reichweite 1998 hatten Japan und die USA zum Anlass genommen, einen umstrittenen gemeinsamen Raketenabwehrschild zu planen, was wiederum Spannungen mit China auslöste.

Die USA planen schon seit längerem einen solchen Anti-Raketen-Schutz. Experten haben die Ankündigung, dieses System gegen den nordkoreanischen Raketen-Probeflug zu aktivieren, allerdings eher belächelt. Zu instabil ist es noch, die absolvierten Tests waren fast alle Fehlschläge. Paradoxerweise könnte der nordkoreanische Raketenstart nun auch als Schubkraft für dieses milliardenschwere US-Rüstungsprojekt dienen.