Zum Hauptinhalt springen

Nordkoreas Endstufe

Von WZ-Korrespondent Fabian Kretschmer

Politik

Pjöngjangs bislang mächtigste Interkontinentalrakete kann jeden Winkel des US-Festlandes ins Visier nehmen.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 8 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Seoul. Es war ein gewaltiger Knall mit Ansage: Bereits Anfang Jänner hatte Kim Jong-un für 2017 angekündigt, sein Interkontinentalraketen-Programm bis zum Jahresende vervollständigen zu wollen. Knapp zwölf Monate später scheint der Diktator sein Ziel nun erreicht zu haben. Die Hwasong-15 flog in den Nachtstunden auf Dienstag in einem 4500 Kilometer hohen Bogen ins Japanische Meer. Bei einer herkömmlichen Flugkurve wäre die Interkontinentalrakete folglich mächtig genug, um jeden Winkel des US-Festlandes ins Visier nehmen zu können.

Dementsprechend besorgt wurde der Raketentest von der internationalen Gemeinschaft aufgenommen. In einem Telefonat vereinbarten US-Präsident Donald Trump und Südkoreas Staatschef Moon Jae-in, den Druck auf Nordkorea zu erhöhen und weitere Sanktionen anzuvisieren. Auch Peking hat über den Sprecher seines Außenministeriums "schwerwiegende Bedenken" geäußert. Überraschenderweise fiel die öffentliche Reaktion von Trump in sozialen Medien auffallend einsilbig aus. Man werde mit der Situation fertig, twitterte Trump.

Trump droht nicht mehr

Später nutzte er die Gelegenheit, anhand der Raketentests die Aufrüstung des eigenen Militärs zu betonen. Kriegsdrohungen wie in der Vergangenheit unterließ Trump jedoch. Die werden dennoch in den politischen Kreisen Washingtons immer lauter. Besonders hervorgetan hat sich diesmal der republikanische Senator von South Carolina: Lindsey Graham sprach in einem Fernsehinterview mit CNN davon, dass man momentan auf einen Krieg mit Nordkorea zusteuere. Als der Moderator entgegenhielt, dass dieses Szenario hunderttausende, möglicherweise Millionen an Menschenleben in Nordostasien gefährden würde, antwortete der Senator stoisch: "Der US-Präsident muss sich nun mal zwischen der Sicherheit des US-Heimatlandes und der regionalen Stabilität entscheiden."

Südkoreas Präsident Moon Jae-in hat jedoch deutlich gemacht, dass die US-Regierung Gedankenspiele über einen möglichen Erstschlag gegen Nordkorea unterlassen solle. Sein Militär hat nur sechs Minuten nach dem Start der nordkoreanischen Hwasong-15 ebenfalls drei Flugkörper in Richtung Japanisches Meer abgefeuert - ein klares Zeichen, dass Nordkoreas Provokation seinen Nachbarn diesmal keinesfalls unvorbereitet traf.

Kim in Position der Stärke

Unter Nordkorea-Experten wird unterdessen vielfach die Auffassung geteilt, dass in der derzeit angespannten Situation diplomatische Annäherungen wichtiger denn je seien. "Ich glaube, dass Nordkorea nun vorerst zur Ruhe kommen wird", sagt Andray Abrahamian, Forscher an der japanischen Haneda Universität. Kim Jong-un habe schließlich selbst verkündet, dass er mit dem Interkontinentalraketentest von Dienstag sein Ziel eines Nuklearstaats "erreicht" habe. Es liege also nahe, dass in nächster Zukunft keine weiteren Raketentests unmittelbar bevorstehen. Auch ein Blick ins Archiv stützt diese These: Nordkorea hat seit 1984 in den Dezembermonaten bis dato nur zwei Raketen abgefeuert, in den Jännermonaten desselben Zeitraums gar nur eine. "Nordkorea könnte nun, da es von einer Position der Stärke agiert, bereit für Verhandlungen sein", sagt Abrahamian.

Zudem hat es mit seiner neu erlangten militärischen Macht den Wetteinsatz für diplomatische Verhandlungen erhöht, sodass auch die USA einwilligen könnten. Trump hat in der Vergangenheit zumindest durchschimmern lassen, dass er potenziell für direkte Gespräche ohne Vorbedingungen mit Kim Jong-un offen wäre. "Wir müssen unbedingt etwas tun, damit sich die Situation nicht verschlimmert", meint auch Hwang Jae-ho von der Hankuk Fremdsprachenuniversität in Seoul. Hwangs Hoffnung liegt vor allem auf den bevorstehenden Olympischen Winterspielen in Pyeongchang: Sollte Nordkorea Athleten zur Teilnahme nach Südkorea schicken, würde sich ein geeigneter Rahmen für erste Annäherungen bieten.

Laut Hwang wäre die realistischste Lösung ein bereits von China vorgeschlagenes "double freeze"-Abkommen. Demnach könnte Nordkorea sein Atomprogramm einfrieren, während Südkorea seine halbjährlichen Militärübungen mit den US-Amerikanern einstellt oder deutlich reduziert. Dabei würde sich das Regime in Pjöngjang einen solchen Deal sicherlich teuer bezahlen lassen - durch regelmäßige Öllieferungen oder Entschädigungszahlungen der USA für den offiziell noch immer nicht beendeten Koreakrieg. Damit wäre man dort angelangt, an dem man einst Mitte der 1990er Jahre mit dem fragilen Atomabkommen zwischen Bill Clinton und Nordkoreas Staatsgründer Kim Il-sung war. "Diese Lösung ist sicher nicht optimal. Aber welche Optionen haben wir sonst?", meint Hwang.