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"Normung ist Verkaufsvorbereitung"

Von Christian Rösner

Politik

Die Normen-Manager der Stadt Wien Elisabeth Schlemmer und Georg Pommer im Interview.


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"Wiener Zeitung": Was ist die Aufgabe eines Normen-Managers innerhalb der Stadt Wien?Elisabeth Schlemmer: Wir schauen in unserem strategischen Normen- und Standardisierungsmanagement darauf, dass Schutzziele eingehalten werden, sind dabei aber immer bedacht auf Sparsamkeit, Wirtschaftlichkeit und Zweckmäßigkeit. Und wir versuchen schon bei der Erstellung von Normenstandards, dass wir entsprechend Einfluss nehmen können. Im zweiten Schritt geht es darum, diese Parameter auch bei der Interpretation beziehungsweise bei der Umsetzung der Normen wirksam zu machen. Das ist unsere Aufgabe - und zwar im gesamten Bereich der Stadt Wien.

Jetzt wird oft gesagt, dass es immer mehr Normen gibt, die am Ende alles teurer machen - etwa in der Baubranche. Wie kann man da entgegensteuern?Georg Pommer: Von den berühmten 22.000 Ö-Normen, die es in Österreich gibt, ist nur ein Drittel Baunorm. Sie finden heute Normen im Bereich Dienstleistungen, Sicherheit, Maschinenbau oder einfach nur in Prozessen oder Qualitätsmanagementsystemen - bis hin zum Denkmalschutz. Im Baubereich wird das Thema gerade heftig diskutiert, obwohl das schon lange kein österreichisches Thema mehr ist, sondern ein europäisches: 80 Prozent werden hier 1:1 übernommen. Und es war immer ein ganz großer Wunsch der Wirtschaft, genau das zu harmonisieren, damit italienische Dachziegel problemlos importiert werden können oder eine Isolierglasscheibe von Österreich nach Deutschland geschickt werden kann.

Alle Normen sind sinnvoll?Schlemmer: Solange sie zweckmäßig sind, ja. Die Frage ist nur, ob ich etwa im Bereich der Spitäler wirklich eine Norm dafür brauche, wie man ein Dreieckstuch bindet. Oder ob ich eine Norm für die plastische Chirurgie brauche, wenn das ohnehin schon durch den nationalen Gesetzgeber geregelt ist. Die Frage ist also, muss ich wirklich jedes Thema aufgreifen, nur weil es gerade vorbeifliegt. Das heißt, die Fülle der Normen könnte durchaus wieder auf ein sinnvolles Maß reduzierbar sein.

Man könnte also durchaus auch wieder Normen zurücknehmen?Pommer: Da sollte man schon vorsichtig sein. Das Durchforsten und Ausmisten von Normen klingt zwar gut, kann aber dazu führen, dass sich jemand dadurch einen Vorteil verschafft. Mit den Normen wird schließlich versucht, Risiken zu minimieren, sich rechtlich gut abzusichern, damit man am Ende nicht belangt werden kann. Es gibt natürlich hier auch so etwas wie eine Angstnormierung. Früher hätte sich niemand Gedanken darüber gemacht, wie man eine Wand verputzt. Das war tradiertes Handwerk und man hat es einfach so gemacht. Jetzt haben wir in Wien einmal pro Woche einen Gesimse-Absturz. Insofern ist es schwierig, wenn man heute etwas aus den Normen rausstreichen will, ohne den Kontext zu verlieren. Außerdem haben wir die absurde Situation, dass Sie, wenn Normen gestrichen werden, diese noch Jahre später in den Ausschreibungen wiederfinden - weil es viel bequemer ist, auf Normen zu verweisen, ohne auf die Aktualität zu schauen.

Was muss alles genormt werden?Schlemmer: Das ist eine Diskussion, die wir führen müssen. Vor 100 Jahren hat man sich dazu entschlossen, Schrauben zu normen - damit es einen Industriestandard gibt. Das macht ja auch Sinn. Inzwischen wird aber schon weltweit genormt, wie sich in der Industrie ein Consulter zu verhalten hat. Ob man das wirklich braucht, darüber kann man diskutieren.

Was ist wirklich verpflichtend?Pommer: Auf der europäischen Ebene gibt es harmonisierte Produktstandards, die verpflichtend umgesetzt werden müssen. Die Kommission erteilt dem Europäischen Normungsinstitut (CEN) zum Beispiel den Auftrag, Druckbehälter zu normen und ein Verfahren zur Kennzeichnung auszuarbeiten. Und die Länder müssen diese Norm dann auf nationaler Ebene umsetzen. Der Rest ist aber selbstgemacht. Denn CEN ist auch von sich aus aktiv und erstellt Normen, die übernommen werden können. Auch die Gesetzgebung kann quasi auf das Normungsinstitut ausgelagert werden, in dem es in einer Verordnung auf Normen verweist und sie verbindlich erklärt. Muss sie aber nicht.

Wozu brauchen wir Normen?

Weil sie Rechtssicherheit beitragen, Kosten einsparen und weil sie edukativ wirken.

Inwiefern edukativ?

Es werden ja bereits Normen im Unterricht herangezogen. Das ist schon ein wesentlicher Lehrbehelf geworden.

Wie sparen sie Kosten?Schlemmer: Wenn man sich die Harmonisierung innerhalb der EU in Sachen IT ansieht, dann wird klar, dass bei grenzüberschreitenden Aufträgen eine Vereinheitlichung der Formalismen alles viel einfacher und damit günstiger macht. Etwa bei Angebotslegungen oder Rechnungen.

Und wie entstehen solche Normen?Pommer: Die entstehen in Gremien und Ausschüssen nach einem altbewährten System. Die Komitees setzen sich laut Normengesetz zusammen aus einem Vorsitzenden, einer Schriftführung und Vertreter von Wissenschaft, Handwerk, Industrie, Verwaltung und Konsumenten. Fakt ist, dass in vielen Komitees Wissenschaft und Handwerk kaum vertreten ist, dafür aber die Industrie extrem.

Das heißt, hier findet starkes Lobbying statt?Genau. Jetzt sitzen im Komitee der Marktleader und seine drei Subfirmen. Es gibt aber noch eine Steigerung: In dem korrespondierenden europäischen Normkomitee sitzt die Konzernmutter mit ihren 17 Töchtern. Das heißt, im europäischen Ausschuss gibt es nur noch Industrie. Und dort kommen wir extrem schlecht hin.

Hat Österreich kein Stimmrecht?

Doch. Aber gemessen an seiner Bevölkerungszahl natürlich ein sehr kleines. Wir fahren im Baubereich schon lange nur noch sehr eingeschränkt zu keinen Sitzungen mehr, weil das sehr zeit- und kostenaufwendig ist.

Das kann man nicht von hier aus machen?Pommer: Sie müssen bedenken, wenn sie einen Wandbaustein normen, müssen sie auch seinen Wärmeschutz normen. Jetzt kommen Sie an bestimmte Grenzwerte heran, die das technisch machbare möglicherweise schon überschreiten. Jetzt muss aber derselbe Firmenlobbyist sofort auch in dem Ausschuss mitarbeiten, wo die Wärmeschutznorm geschrieben wird, um den Wärmeschutz so zu gestalten, dass sein Produkt noch hineinpasst. Diese Wärmeschutznorm wird wiederum von unserem Gesetzgeber zur Berechnung unseres CO2-Einsparungsplans oder für die Gesamtenergieeffizienz herangezogen, was wiederum von der EU vorgegeben wird.

Schlemmer: Außerdem sehen wir, dass große Firmen bereits Büros in Brüssel haben. Ein namhaftes Unternehmen hat zum Beispiel seinen hochwertigsten Akademiker bestbezahlt nur für dieses Thema abgestellt. Normung ist Verkaufsvorbereitung.

Was kann Wien dann überhaupt ausrichten?Schlemmer: Wir können neben dem internen Normenmanagement und der Zusammenarbeit mit den Bundesländern nur versuchen, Verbündete zu finden und mit anderen größeren Ländern zu lobbyieren. Wir haben neun Stimmen, Deutschland 29. Und immerhin sitzen mittlerweile fast 250 Mitarbeiter der Stadt Wien in den Ausschüssen, die mit einer Stimme sprechen. Dass haben wir schon erreicht. Mittlerweile haben wir in jeder Geschäftsgruppe der Stadt ein Normenmanager, der seine Abteilungen vertritt. Geht es um Allergen-Kennzeichnung, dann wirkt das ressortübergreifend und betrifft nicht nur die Marktkontrollen, sondern auch die Schulen, die Kindergärten, die Spitäler und so weiter. Hier versuchen wir, das Gesamtinteresse der Stadt Wien zu vertreten. Und wir setzen uns strategisch in jene Ausschüsse, die für uns auch relevant sind.

Wie kann man konkret in Wien mit Normenarbeit sparen?Pommer: Es schwierig, das in Zahlen zu gießen. Aber wenn Sie z.B. an die Windlastnorm denken, dann verwendet man momentan für die thermische Sanierung sechs Dübel pro m2 Styroporplatte zur Befestigung, damit sie nicht davonfliegt. Ein Dübel kostet einen Euro. Würden sieben Dübel verlangt werden, würde das in Wien Mehrkosten von etwa 1,3 Millionen Euro im Jahr kosten. Oder wenn ich sage, im Erdgeschoßbereich brauche ich keine Dübel, weil der Wind eh nicht dorthin kommt, dann erspare ich mir sechs Euro am m2. Das sind die Dinge, die wir laufend überlegen. Und das bringt schon viel Einsparungspotenzial mit sich.

  • Georg Pommer ist Normen-Manager für den Bereich Wohnen, Wohnbau und Stadterneuerung bei der Stadt Wien.

  • Elisabeth Schlemmer ist Normen-Managerin für den Bereich Gesundheit und Soziales bei der Stadt Wien.