Zum Hauptinhalt springen

Norwegen schwimmt im Öl

Von Heidi Skjeseth

Wirtschaft

Oslo profitiert vom Ölpreisanstieg. | Nationaler Ölfonds bereits 75% des BIP. | Oslo. So reichlich ist das Geld in Norwegen noch nie geflossen. Der Staat rechnet heuer mit Mehreinnahmen von 35 Mrd. Euro. Nur Kuwait erwartet einen höheren Überschuss.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 20 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Oslo. So reichlich ist das Geld in Norwegen noch nie geflossen. Der Staat rechnet heuer mit Mehreinnahmen von 35 Mrd. Euro. Nur Kuwait erwartet einen höheren Überschuss.

Der Grund: Der weltweit drittgrößte Exporteur von Öl und viertgrößte Exporteur von Gas profitiert von den massiv gestiegenen Rohstoffpreisen. Das Finanzministerium hat den Staatshaushalt mit einem Rohölpreis von 38 Dollar pro Barrel kalkuliert. Jetzt übersteigt der Preis 70 Dollar. Das hat Befürchtungen geweckt, die Wirtschaft könne sich überhitzen. Der Chef der "Norges Bank", der Nationalbank, Svein Gjerdrem, wies solche Ängste zurück. In der Tat, der Wirtschaft geht es gut. Der Aufschwung ist breit abgestützt. Die Inflation beträgt gerade 1,1%, wenn Energiepreise und Steuern herausgerechnet werden. Die Zinsen liegen bei 2%.

Die norwegische Volkswirtschaft kann die zusätzlichen Einnahmen verkraften, weil sie nicht direkt in den Staatshaushalt fließen, sondern in den "Ölfonds". Die Verwendung der Mittel wird durch die sogenannte "handlingsregel" bestimmt. Danach darf das Haushaltsdefizit des Staates 4% des Ölfonds nicht überschreiten. Die erste Einzahlung erfolgte 1995. Damals waren es 2 Mrd. Kronen (250 Mio. Euro). Ende Juni war er auf 1184 Mrd. Kronen angewachsen. Das entspricht drei Viertel des jährlichen Bruttoinlandprodukts (BIP) oder dem gesamten Import Norwegens während zwei Jahren. Allein 2005 ist er um 167 Mrd. Kronen gewachsen.

Der Fonds, der von der Nationalbank verwaltet wird, investiert in der ganzen Welt, nur nicht in Norwegen. Dabei hält er an den einzelnen Unternehmen immer nur kleine Anteile, meist unter 1%. Immer wieder wird in Norwegen gefordert, der Fonds solle auch im eigenen Land investieren, immer wieder weist die Nationalbank dies zurück.

Auf Dauer werden die hohen Ölpreise trotz Ölfonds und "handlingsregel" einen Einfluss auf die Entwicklung Norwegens haben. Knud Nörve von der Berateragentur Econ erwartet, dass der Druck auf den Staat zunehmen wird, seine Ausgaben zu erhöhen. Löhne und Preise würden bald folgen. Die Nationalbank müsste dann die Zinsen heben. Gleichzeitig würde die Industrie an internationaler Wettbewerbsfähigkeit einbüßen. Ein anhaltend hoher Ölpreis bedeutet laut Nörve aber auch, dass Norwegens fossiler Reichtum länger genutzt werden kann: Auch weniger ergiebige Öl- und Gasfelder werden nun rentabel, wenn in ihre Ausbeutung investiert wird.

Die Zahlen geben Nörve recht. Die Investitionen im Öl- und Gassektor sind schon jetzt auf ein Rekordniveau gestiegen. Heuer wurden gemäß dem Statistischen Zentralbüro in Oslo bereits 92 Mrd. Kronen investiert. Im Rekordjahr 1998 waren es insgesamt 79 Mrd. Kronen gewesen.

Aber auch politisch hat der hohe Ölpreis Folgen: Die Wirtschaftsstruktur entfernt sich immer mehr von derjenigen der EU. Ein möglicher Beitritt, bereits zweimal vom Volk in einem Referendum abgelehnt, rückt in weite Ferne.