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Not verführt manchmal zum Träumen

Von Walter Hämmerle

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Verzweiflung macht sich in der Wiener ÖVP breit - offensichtlich beflügelt das mitunter auch die Phantasie.


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Früher war vielleicht nicht alles besser, aber vieles auf jeden Fall einfacher. Das denken sich dieser Tage wohl mit leidgeprüftem Blick Anhänger und Funktionäre der Wiener ÖVP. Das gilt auf jeden Fall für die Obmannsuche: Früher nämlich hätten sich einfach die beiden Landesobleute von Arbeitnehmerbund und Wirtschaftsbund zusammengesetzt und sich dann einen neuen Parteichef von ihren Gnaden ausgepackelt. Widerstand zwecklos.

Diese Zeiten sind längst vorbei, was zwar zumeist ein Glück ist, derzeit aber auch ein Pech, weil ein neuer Obmann den Wiener Schwarzen nach dem plötzlichen Abgang von Johannes Hahn nach Brüssel eher zu passieren scheint. Und weil sich der Wiener Wirtschaftsbund gedanklich seit Jahren aus der Wiener ÖVP verabschiedet hat - in der Wirtschaftskammer gibt es nämlich keine lästigen innerparteilichen Gegner, dort reicht es, wenn man sich mit der roten Stadtregierung arrangiert.

Der Wiener AAB hat zwar keine andere Spielwiese als die Wiener ÖVP, als gestaltender Machtfaktor in der Partei hat er sich allerdings ebenfalls längst verabschiedet. Diesbezüglich reicht es gerade noch zum Verhindern unliebsamer Personalia - siehe Ferry Maier -, zu mehr aber schon lange nicht mehr.

An die Stelle des alten Regimes trat seit Amtsantritt von Hahn 2005 die Alleinherrschaft des Landesobmanns. Das ist praktisch, weil es die tägliche Arbeit ungemein erleichtert. Und hat fatale Folgen, wenn der Obmann plötzlich abhanden kommt.

An die Stelle der Alleinherrschaft ist nämlich jetzt das politische Vakuum getreten. Mit der Erklärung seines Abgangs nach Brüssel hat Gio Hahn jeden Einfluss zur Gestaltung seiner Nachfolge verloren. Per sofort und unwiderruflich. Wenn, dann hätte er das zumindest im Stillen vorbereiten müssen, das ist aber offensichtlich nicht geschehen. Ein erstaunlicher Fauxpas im kleinen Einmaleins der Politik.

Not macht aber bekanntlich erfinderisch. Und so fragen sich nicht wenige, wie die Wiener ÖVP wohl bei den Landtagswahlen im Herbst 2010 mit Wolfgang Schüssel abschneiden würde. Anhänger des Alt-Kanzlers sind davon überzeugt, dass damit alle Probleme der darniederliegenden Partei gelöst wären - das vielbeschworene Duell Häupl gegen Strache müsste zum Dreikampf mutiert werden, der ganze Wahlkampf bekäme ein gänzlich anderes Gesicht.

Wahrscheinlich ist all dies natürlich nicht. Dass es nicht unmöglich wäre, bewies der Hietzinger Schüssel bei der Programmpräsentation seines Bezirks am Mittwochabend. Ausgerechnet im neu renovierten Affenhaus (Vorsicht Ironie!) hielt hier Schüssel den Wiener ÖVP-Funktionären eine Standpauke in mangelnder Kampfbereitschaft und Kampagnenfähigkeit: "Die sogenannten bürgerlichen Regimenter laufen ja bekanntlich nicht von allein."

Der Alt-Kanzler selbst will dazu nichts sagen, aber Wegbegleiter und Kenner Schüssels halten ein solches Szenario doch für sehr unwahrscheinlich, und das liegt weniger an dessen allfälligen europapolitischen Karrierehoffnungen sondern eher an der Natur der Wiener ÖVP.

Siehe auch:ÖVP-Wien: Das Rennen ist gelaufen