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"Nullsummenspiel für Getreidebauern"

Von Petra Tempfer

Politik

Die Getreideernte startete heuer früh wie nie - die Erträge sind aufgrund der Dürre aber schlecht. Nun soll die Versicherungssteuer gesenkt werden. Mittel aus dem Katastrophenfonds gibt es nicht.


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Wien. Im Vergleich zu Deutschland, wo die Getreidebauern ein "katastrophales Ausmaß an Dürreschäden" erwarten, sieht es in Österreich zwar noch verhältnismäßig gut aus - rosig ist die Situation aber auch hier bei Weitem nicht. Laut Agrarmarkt Austria (AMA) wird die heurige Getreideernte gegenüber dem Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre um zwölf Prozent niedriger sein. "Die Getreideproduktion ohne Mais wird auf rund 2,8 Millionen Tonnen geschätzt und liegt rund 400.000 Tonnen unter dem Durchschnitt", sagte AMA-Vorstandschef Günter Griesmayr am Mittwoch. Damit setze sich der Trend des Vorjahres fort.

Hauptgrund dafür sei die anhaltende Trockenheit, aufgrund derer die Getreideernte zwar rund um den 10. Juli und damit so früh wie nie zuvor startete - "frühe Ernten sind aber meist schlechte Ernten", so Griesmayr. Eine kurze Vegetationszeit reduziere den Ertrag.

Hoffnung auf gute Maisernte

Hoffnung setze man allerdings in die Maisernte im Herbst. Da es zu Beginn der Maisblüte Anfang Juli genug Niederschlag gab, geht Griesmayr von einer guten Ernte mit einer vierprozentigen Steigerung gegenüber dem Vorjahr aus. Inklusive Mais rechnet er mit einer Gesamtproduktion von 4,9 Millionen Tonnen Getreide. Bei einem Verbrauch von 6,01 Millionen Tonnen liegt der Importbedarf bei 2,4 Millionen Tonnen. Österreich exportiert nämlich auch, und zwar heuer voraussichtlich 1,2 Millionen Tonnen vor allem im hochpreisigeren Segment wie Premiumweizen. "Insgesamt ist diese Bilanz daher positiv, weil wir für die Exportware mehr Erlös haben, als uns der Import kostet", präzisierte Franz Stefan Hautzinger, Vorsitzender des Verwaltungsrates der AMA.

Für die Getreidebauern selbst "wird es eine knappe Einkommensrechnung sein", so Hautzinger weiter. Bei einem Preis von etwa 160 Euro pro Tonne Weichweizen komme man auf einen Deckungsbeitrag von rund 90 Euro - in etwa so viel, wie man für die Fixkosten brauche. "Gäbe es die Direktzahlungen (von Bund und EU, Anm.) nicht, wäre es ein Nullsummenspiel für die Getreidebauern", so Hautzinger.

Im Rahmen des nächsten EU-Budgets 2021 bis 2027 sollen Direktzahlungen an die Bauern ab 60.000 Euro gekürzt und bei 100.000 Euro je Betrieb gedeckelt werden. In Deutschland will die Regierung nun ab Ende August über zusätzliche Hilfen für Bauern wegen der großen Trockenheit entscheiden. Und in Österreich? Hier gibt es laut Landwirtschaftsministerium "ein ausgereiftes Versicherungspaket, das auch die Abgeltung von Dürreschäden einschließt". Gemeint ist die Dürreindexversicherung der Österreichischen Hagelversicherung für Grünland, Mais, Winterweizen und Zuckerrübe, die es seit 2015 gibt und die dem Ministerium zufolge vor allem in Niederösterreich und Oberösterreich bei Weizen gegriffen habe.

Das Besondere an dieser Art von Versicherung ist, dass keine Schadensmeldungen über die Situation vor Ort nötig sind, sondern die Bewertung von den Niederschlagsmengen abhängt. Die Zahl der Landwirte, die sich versichern, steigt laut Hagelversicherung kontinuierlich an. Im Vorjahr habe der Schaden für die Landwirtschaft aufgrund der Trockenheit 140 Millionen Euro betragen, der Gesamtschaden lag bei 250 Millionen Euro.

In den vergangenen zwei Monaten sei für die Land- und Forstwirtschaft je ein Unterstützungspaket im Ministerrat beschlossen worden, sagt Sprecher Michael Strasser zur "Wiener Zeitung". Unter anderem soll die Versicherungssteuer gesenkt werden, damit Landwirte leichter Vorsorge treffen können. Nach einer aktuellen Prüfung sei es aus derzeitiger Sicht gesetzlich allerdings nicht möglich, Mittel aus dem Katastrophenfonds zur Verfügung zu stellen. Denn: "Die Lage ist heuer nicht allzu prekär", so Strasser. Zudem habe es 2016 eine Gesetzesänderung gegeben, wonach Dürreschäden nicht mehr vom Katastrophenfonds abgegolten werden. Dafür gebe es jetzt die Unterstützungspakete.

Verschiebung der Anbauzeiten

Angesichts der Tatsache, dass dürre Jahre aufgrund des Klimawandels zur Norm werden könnten, verschieben die Getreidebauern schon jetzt laut Hautzinger ihren Anbau vom Frühling in den Herbst. Das Getreide kann dann die Winterfeuchte besser nutzen. Dazu komme eine deutliche Steigerung im Sojaanbau - Österreich ist fünftgrößter Sojabohnenproduzent der EU-28 - und im biologischen Ackerbau. 18 Prozent der Getreideanbaufläche seien biologisch.

In der gesamten EU wird eine schlechte Getreideernte erwartet, sagte AMA-Marktexperte Christian Gessl. Konkret gehe man von 294 Millionen Tonnen aus - um 4,4 Prozent weniger als zuletzt. Grund seien Hitze und Dürre. Noch seien die Lager gefüllt - folgen noch ein drittes und ein viertes schlechtes Jahr, "wird es aber dramatisch".

Weniger Getreide bedeutet höhere Getreidepreise. Beim Brot und Gebäck werde man das aber nicht merken, sagt Johann Ehrenberger, Bundesinnungs-Stellvertreter der Bäcker in der Wirtschaftskammer. Denn der Mehlpreis mache nur vier bis fünf Prozent des Brotpreises aus. Der weitaus größere Teil, etwa die Hälfte, werde von den Arbeitskosten bestimmt, und diese seien wegen der Nachtstunden hoch und gestiegen - laut Mikrowarenkorb der Statistik Austria verteuerten sich Brot und Gebäck im Vergleich zum Vorjahr um 1,8 Prozent.