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Nun soll in der Wüste Weizen wachsen

Von WZ-Korrespondentin Birgit Svensson

Politik

Die stark gestiegenen Getreidepreise treffen das Land am Nil: Nun soll ein einst versandetes Projekt die Rettung sein.


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Wüste, wohin das Auge reicht. 250 Kilometer hellbraun, unterbrochen manchmal durch schwarze und graue Steine. Die Gegend ist, was man im Volksmund gottverlassen nennt. Auch Allah hat hier kaum Spuren hinterlassen. Die Fahrt von Assuan in Oberägypten Richtung sudanesische Grenze ist eintönig, die Straße schnurgerade. Die Hitze spiegelt Wasser vor - eine Fata Morgana. Dann plötzlich: Wie aus dem Nichts tauchen Felder, grüne Flecken mitten in der Wüste auf. Bei näherem Hinsehen entpuppt sich das Grün als Weizen. Ein Dorf links von der Straße wird sichtbar, rechts eine hohe Mauer, kilometerlang. Sie soll vor Dieben schützen, denn Weizen ist derzeit begehrt in Ägypten.

Der Preis für den Rohstoff, aus dem das tägliche Brot gebacken wird, steigt nicht zuletzt wegen des Krieges in der Ukraine ins Unermessliche. Toshka, am unteren, südlichen Ende Ägyptens und nur wenige Kilometer vom Sudan entfernt, ist die Hoffnung. Ein Projekt, das bereits vor 20 Jahren ins Leben gerufen und seitdem völlig vernachlässigt wurde, soll die Rettung vor einer Hungerkatastrophe am Nil sein.

Ägypten ist mit 102 Millionen Einwohnern das bevölkerungsreichste arabische Land und hat durch den Krieg in der Ukraine weltweit die größten Probleme bei der Weizenversorgung. Brot aber ist das Grundnahrungsmittel der Nilbewohner. Brot bedeutet für sie Leben - "Aish", ägyptisch-arabisch für Brot, heißt übersetzt "Leben". Prognosen zufolge wird die Bevölkerung dieses Jahr rund 20 Millionen Tonnen Weizen verbrauchen. Derzeit produziert das Land selber zehn Millionen Tonnen pro Jahr. Der Rest wird importiert. 80 Prozent des Weizenimports stammten vor dem Krieg aus der Ukraine und Russland. Doch aus der Ukraine kommt derzeit nichts, aus Russland weniger als sonst.

Ob den Worten Taten folgen werden, ist fraglich

Inzwischen hat die ägyptische Regierung einen Drei-Stufen-Plan entwickelt, um die lokale Produktion anzukurbeln. "Dieses Jahr hat die Regierung knapp 102.000 Hektar Land für Weizenanbau bereitgestellt, und nächstes Jahr soll diese Fläche verdoppelt werden", erläutert Aladdin Hamwieh, Biotechnologe beim regierungsnahen International Center for Agricultural Research in the Dry Areas (Icarda). "Und das ist zusätzlich zu den über 600.000 Hektar, die wir in den vergangenen Jahren kultiviert haben. Weizen wird jetzt nicht nur im fruchtbaren Nildelta angebaut, sondern auch in den Wüstengebieten Oberägyptens, wenngleich die trockene Erde dort mehr Dünger braucht."

Ob den Worten tatsächlich Taten folgen, steht auf einem anderen Blatt. Hochtrabende Pläne gab es in Ägypten genug, die dann früher oder später im Wüstensand versanken. Die Begrünung der Wüste ist nur einer davon, die Ausweitung der Landwirtschaft ein anderer. Jeder Präsident, von Gamal Abdel Nasser über Anwar al-Sadat, Hosni Mubarak und jetzt Abdel Fattah al-Sisi sprachen von Selbstversorgung und der Bereitstellung von mehr landwirtschaftlichen Flächen. Geschehen ist so gut wie nichts. Auf den Flächen wurde keine Landwirtschaft betrieben, stattdessen wurden Häuser und Villen gebaut. Korruption war dabei mit im Spiel. Billige Landwirtschaftsflächen wurden teure Villenanlagen.

Toshka soll nun die Wende bringen. Als Mubarak am 12. Jänner 2003 die Pumpstation, die seinen Namen trägt, dort einweihte, waren hunderte Journalisten von Kairo nach Abu Simbel geflogen worden, um über das "Jahrhundertprojekt" zu berichten. Die Schweizer Firma Schindler hatte eigens für den Tag einen teuren Fahrstuhl gebaut, der den Präsidenten und seine Entourage 50 Meter hoch und wieder runtertransportierte. Denn diesen Höhenunterschied unternimmt das Wasser, das vom Nasser-Stausee in den Bewässerungskanal gepumpt wird, der die Wüste begrünen sollte. Die Mubarak-Pumpstation war damals die größte Anlage ihrer Art weltweit.

Von dem Megaprojekt blieb nicht mehr als das Dorf

Doch der Kanal war zum Zeitpunkt der pompösen Einweihung noch nicht vollendet und ist es bis heute nicht. Bis 2017 sollten durch das Toshka-Projekt auf einer Fläche von 420.000 Hektar Arbeitsplätze und Wohnungen für drei Millionen Menschen entstehen. Die Siedlungsfläche Ägyptens sollte auf diese Weise um fünf Prozent der Landesfläche auf über 20 Prozent vergrößert werden. Entstanden ist nicht mehr als das kleine Dorf links an der Straße in den Sudan.

Die ursprüngliche Idee, Agrarstudenten der Universitäten Kairo und Alexandria in den Süden zu locken, ihnen Ackerland, Saatgut und Dünger kostenlos zur Verfügung zu stellen und sie damit zum Ackerbau zu motivieren, klappte nicht. Nach einem Kurzbesuch in Toshka kamen die meisten wieder kopfschüttelnd zurück in die Metropolen. Sie beklagten fehlende Infrastruktur wie Bahn- oder Flugzeuganbindung, aber auch Märkte und Vertriebswege. "Wasser allein reicht nicht", sagten sie. Toshka versank im Wüstenstaub.

"Die Regierung muss etwas unternehmen", sagen die Menschen auf den Straßen Kairos, "sonst gibt es bald wieder Brotaufstände." Seit Jahren pumpt der Staat Millionen in die Brotproduktion. Jetzt, da der Weizenpreis drastisch gestiegen ist, werden es noch mehr. Ein Drittel der Bevölkerung lebt bereits unter der Armutsgrenze, und es werden täglich mehr. Nicht subventioniertes Brot ist in den letzten Wochen um 50 Prozent teurer geworden. Der Preis des subventionierten Brotes ist zwar noch gleich geblieben, aber die Flade, die noch immer ein ägyptisches Pfund kostet, ist kleiner geworden.

Nun soll also auf Hochtouren Weizen angebaut werden. Den Bauern soll zertifiziertes Saatgut zur Verfügung gestellt werden, das höhere Erträge bringt. Zudem hat die Regierung zugesagt, den Landwirten mehr als sechs Millionen Tonnen Weizen zu einem festgelegten Preis abzukaufen. So soll das dringend benötigte Nahrungsmittelprogramm abgesichert werden.

Ungewohnte Kritik an der Regierung wird laut

Eine Unabhängigkeit von Weizenimporten "erreichen wir vielleicht nie", sagt Aladdin Hamwieh vom Icarda, aber eine Erhöhung der einheimischen Produktion bis auf 70 Prozent des Bedarfs wäre schon ein Erfolg. Eine 20-prozentige Steigerung könnte die wachsende Nachfrage ausgleichen, die aus dem Bevölkerungswachstum von jährlich 2,5 Prozent resultiert. Jedes Jahr kommen zwei Millionen kleine Ägypter auf die Welt, ein Albtraum für jeden Volkswirtschaftler.

Dass die Lage ernst ist, zeigt auch die letzte Sitzung des Parlaments vor den Feiertagen am Ende des Ramadan. Die Volksvertreter, die sonst alle auf Regierungslinie und treu ihrem Präsidenten ergeben sind, begehrten zum ersten Mal auf und verlangten den Rücktritt des Premiers Mustafa Madbouly. "Diese Regierung hat die Ägypter verarmen lassen, sie mit Schulden überzogen und Investitionen verhindert", klagte die Abgeordnete Maha Abdel Naser. Mittlerweile ist die ägyptische Währung um 15 Prozent abgewertet worden, die Inflation rapide auf 12 Prozent gestiegen. Andere Abgeordnete warfen der Regierung grobe finanzielle Verfehlungen vor, indem sie hochbezahlte Berater in Behörden einsetzte, die nichts zustande brächten. Der Weizen in Toshka wird denn auch nicht von ägyptischen Bauern angebaut, sondern verantwortlich dafür ist die in Ägypten alles beherrschende Armee.