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"Nur baden sollten Sie im Rotschlamm nicht"

Von WZ-Korrespondentin Karin Bachmann

Europaarchiv
Miteigentümer Bakonyi: "Schlamm ist ungefährlich."

Schutzwall nur gegen erneute Betriebslizenz? | Werk schon seit Jahren in den roten Zahlen. | Budapest. Fünf Tage nach Ausbruch der Schlammkatastrophe unweit des westungarischen Ajka ist die Liste der ungeklärten Fragen wieder länger geworden. Die meisten davon richten sich an Lajos Tornay und Zoltan Bakonyi. Ihnen gehört das aluminiumherstellende Unternehmen MAL, bei dem seit Montag mehr als eine Million Kubikmeter roter Absatzschlamm ausgetreten sind. | Task-Force gegen den Gift-Gau | Hilfsmittel von der EU?


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Dabei ist die dringendste Frage die, wann endlich das Leck verschlossen wird, aus der die Masse austritt.

Der provisorische Schutzdamm, der die Umgebung auf Anordnung der Regierung vor weiterem Rotschlamm schützen soll, war MAL zufolge am Mittwoch schon zu 90 Prozent fertig. Nur wenig später schockierte Tornay damit, dass der Damm bis Ende der Woche womöglich nicht vollendet werde. Dann müsste das Werk auf immer geschlossen werden, rund 1500 Arbeitsplätze würden in der Region wegfallen.

"MAL steht weiterhin neben den Menschen", heißt es in der deutschen Fassung einer Presseaussendung des Aluminiumherstellers zu den aktuellen Ereignissen. Der Übersetzungsfehler ist sicher ungewollt. Besser lässt sich jedoch kaum ausdrücken, dass die Menschen in den unter Rotschlamm begrabenen Ortschaften Kolontar, Devecser und Somlovasarhely in einer ganz anderen Welt leben als Tolnay und sein Kumpan, die mit einem geschätzten Vermögen von umgerechnet rund 145 Millionen Euro zu den 30 reichsten Ungarn zählen. Nach Expertenschätzungen dauert es mindestens eine Generation, bis sich im Katastrophengebiet überhaupt wieder irgendeine Form von Leben entfaltet. Die Reaktionen der beiden Eigentümer: "Der Rotschlamm ist nicht gefährlich", ließ Bakonyi den Geschädigten ausrichten. "Nur baden sollten Sie darin nicht unbedingt." Eine Verhöhnung, nachdem sieben Menschen an den Folgen der Katastrophe gestorben sind.

Firmen-Chef droht

MAL hatte zunächst insgesamt rund 110.000 Euro Soforthilfe für die Opfer der Katastrophe und die Übernahme von Beerdigungskosten angekündigt. Das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein angesichts allein der materiellen Schäden, die auf umgerechnet mindestens 37 Millionen Euro geschätzt werden. Wegen Schadensersatzes gegen das Unternehmen vor Gericht zu ziehen, brächte für die Menschen, die gerade Hab und Gut verloren haben - wenn überhaupt - erst in Jahren etwas. Prozesse ziehen sich in Ungarn, wie in fast allen mittel- und osteuropäischen Ländern, lang hin, der Ausgang eines Verfahrens hängt dabei nur oft genug von guten Beziehungen zum Richter ab. Tolnay droht außerdem damit, MAL könne nur dann Schadensersatz zahlen, wenn das Unternehmen nicht Konkurs infolge der Zwangsstilllegung anmelden müsse. Doch dieser steht offenbar schon längst bevor. Dem Internetportal nol.hu zufolge brachen die Umsätze bei MAL im Jahre 2006 erstmals drastisch ein, seit 2007 schreibe das Unternehmen Verluste, seit 2008 habe es keine Körperschaftsteuer mehr abgeführt, deshalb sei das Werk auch nicht laufend instandgehalten worden. Darüber hinaus sei MAL nur gegen Schäden versichert, die auf dem Werksgelände entstehen, nicht aber gegen Schäden, die das Unternehmen in seiner Umgebung verursacht.

Versäumnisse

Doch auch die Politiker machen keine allzu gute Figur. Die regierungsnahe Tageszeitung Magyar Hirlap mutmaßte kurz nach Ausbruch der Katastrophe, Tolnay und Bakonyi hätten das Werk wohl nur ihrer guten Beziehungen zum sozialistischen Ex-Premier Ferenc Gyurcsany wegen betreiben können. Versäumnisse lassen sich aber auch den Umweltpolitikern des regierenden rechtskonservativen Fidesz anlasten. Die Betroffenen im Katastrophengebiet können weder nachvollziehen, dass die Regierung nicht energisch auf eine unverzügliche Schließung des Lecks drängt, noch dass die zuständige Behörde nur wenige Tage vor Ausbruch der Katastrophe bestätigte, in Ajka sei alles in Ordnung. Letzteres scheint nicht nur vor dem Hintergrund der Katastrophe höchst fragwürdig. Zudem sind die Einsatzkräfte bei den Aufräumarbeiten nur höchst unzulänglich ausgerüstetes gewesen. Greenpeace kritisiert, dass viele mit bloßen Händen arbeiten mussten.

Greenpeace-Experten haben im Rotschlamm Schwermetalle wie das wasserlösliche Arsen nachgewiesen. Der Unglücksfirma MAL zufolge enthält die ausgetretene Masse gerade keine Schwermetalle und sind ihre festen Bestandteile gerade nicht wasserlöslich. Damit stellt sich die Frage, wann und wo sich die Schwermetalle mit dem Rotschlamm vermengten und ob sie möglicherweise illegal bei MAL gelagert wurden.