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Nur einmal mit Milliarden spielen

Von Karl Leban

Wirtschaft

Französische Großbank sitzt auf Scherbenhaufen: Konzern-Chef Bouton bleibt dennoch im Amt. | Spekulationen über Takeover reißen nicht ab. | Paris. Ein Platz in den Annalen der Wirtschaftsgeschichte ist dem 31-jährigen Börsenhändler Jérôme Kerviel auf alle Fälle sicher. Als kleiner Angestellter der französischen Großbank Société Générale hat er es spektakulär zuwege gebracht, mit eigenmächtig abgewickelten Finanzgeschäften die Rekordsumme von fast fünf Milliarden Euro zu verjuxen.


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Sein früherer Arbeitgeber sitzt jetzt auf einem riesigen Scherbenhaufen. Und Frankreich ist seit einer Woche fest im Griff eines Finanzskandals, neben dem selbst die Bawag-Affäre in Österreich erblasst - zumindest was die Höhe der Spekulationsverluste betrifft (die Bawag hatte "nur" 1,5 Milliarden Euro in den Sand gesetzt).

Was Kerviel getrieben hat, bei Termingeschäften auf Aktien-Indizes - unerlaubt und in geradezu abenteuerlichen Aktionen - mit zuletzt 50 Milliarden Euro zu jonglieren, ist bisher noch nicht hinreichend geklärt. Aus seinen bisherigen Aussagen gegenüber den Justizbehörden lässt sich jedoch schließen, dass Geltungsdrang im Spiel war. Der junge Trader wollte sich demnach nicht selbst bereichern, sondern vor seinen Kollegen und Vorgesetzten als Ass dastehen. Hätte Kerviel den großen Treffer gelandet, wäre ihm das wohl auch gelungen. Doch seine Rechnung ging nicht auf.

Ein tollkühnes Hasard-Spiel

Möglicherweise diente dem Bretonen der US-Film "Wall Street" als Vorbild, als er im Frühjahr 2007 seine verdeckten Machenschaften begann. Mag sein, dass er dabei zunächst kleinere Erfolge feiern konnte. Doch spätestens, als die ersten großen Verluste eintraten, muss Kerviels halsbrecherisches Hasard-Spiel eine Eigendynamik bekommen haben. So wurde gutes Geld dem schlechten konsequent nachgeworfen (wie im Casino). Denn schließlich galt es, die bereits angefallenen und immer üppiger werdenden Verluste zumindest wettzumachen. Wie ein Spieler erhöhte Kerviel deshalb auch den Kapitaleinsatz. Seine Risiko-Positionen zog er dabei zu gigantischen Türmen hoch (siehe untenstehende Analyse).

Um in der Bank nicht aufzufliegen, musste Kerviel jedoch die internen Kontrollsysteme austricksen. Wie das funktioniert, wusste er auf Grund seiner früheren Tätigkeit im Back-Office der Société Générale. Bei seinem Täuschungsmanöver setzte Kerviel ein raffiniertes System von fiktiven Transaktionen um, über das er seine heimlichen Risiko-Positionen verbergen konnte.

Dass ihm die Bank erst nach einem Jahr auf die Schliche kam, wirft freilich ein schiefes Licht auf ihre gesamte Führungs- und Kontrollstruktur - trotz seines "Geniestreichs". Denn die Terminbörse Eurex - über sie lief ein Großteil der Geschäfte - hatte die Führung der Société Générale bereits im November über riesige, mysteriöse Positionen informiert.

Bank-Chef Daniel Bouton musste sich deshalb den Vorwurf gefallen lassen, die Hinweise nicht mit Nachdruck weiterverfolgt zu haben. Seit Tagen - vor allem politisch - schwer unter Beschuss, hat ihm der Verwaltungsrat gestern, Mittwoch, dennoch das Vertrauen ausgesprochen - einstimmig. Bouton bleibt also, obwohl er neben der Letztverantwortung für den Mega-Schaden auch den Spott der gesamten Finanzbranche hat. Vielfach wird bereits darüber gewitzelt, dass ein einzelner Mitarbeiter eine große Bank wie die Société Générale so zum Narren halten konnte - und das über einen längeren Zeitraum. Zweifel an der Einzeltäter-Theorie der Bank gelten nach dem Geständnis Kerviels mittlerweile ja als passé.

Kerviel droht dreijährige Haft

Seit Montag läuft ein Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft gegen Kerviel - wegen Fälschung, Vertrauensmissbrauchs und Manipulation des Computersystems. Derzeit ist der junge Franzose unter Auflagen auf freiem Fuß. Bei einer Verurteilung drohen ihm bis zu drei Jahre Haft.

Die Société Générale selbst will den folgenschweren Finanzskandal mit Hilfe unabhängiger Experten aufklären. Die Wahl des Verwaltungsrats ist dabei auf PricewaterhouseCoopers gefallen, einen Wirtschaftsprüfer.

Über eine Übernahme der Société Générale wird unterdessen weiter heftig spekuliert. Überraschend ist das nicht: Der Aktienkurs ist am Boden und die Bank braucht dringend frisches Geld.

Wissen: Société Générale

(kle) Die Société Générale ist die zweitgrößte französische Bank und zählt mit dem Crédit Lyonnais und der BNP Paribas zu den drei ältesten Geschäftsbanken des Landes. Gegründet wurde das Geldinstitut während des zweiten französischen Kaiserreichs am 4. Mai 1864, um die Entwicklung von Handel und Industrie zu fördern.

Zunächst ausschließlich auf den Markt im Inland konzentriert, ist die Société heute in 80 Ländern rund um den Erdball vertreten. Tätig ist die Bank - ihren Sitz hat sie in Paris im noblen Geschäftsviertel La Defense - sowohl in der Finanzierung als auch im Investment- und Anlagegeschäft. Aktuell beschäftigt sie rund 92.000 Mitarbeiter, davon allein 75.000 in Europa. In Frankreich ist die Société zusammen mit ihrer Tochterbank Crédit du Nord mit mehr als 2700 Filialen im Privatkundengeschäft aktiv.

Die Société Générale notiert an der Euronext-Börse in Paris und ist dort im Leitindex CAC-40 gelistet. Ihre 462 Millionen Aktien sind breit im Publikum gestreut. Einen dominierenden Gesellschafter gibt es nicht, den größten Anteil halten mit 6,5 Prozent die Mitarbeiter des Instituts.

Bouton muss abwehren

Konzern-Boss ist seit 1997 Daniel Bouton, der frühere Stabschef von Alain Juppé. Nachdem ihm der Verwaltungsrat gestern, Mittwoch, trotz der milliardenschweren Verluste aus Kerviels Fehlspekulationen das Vertrauen ausgesprochen hat, ist eine seiner wichtigsten Aufgaben der kommenden Wochen, die angeschlagene Bank davor zu bewahren, von einer Rivalin geschluckt zu werden.

Dass die Bilderbuchkarriere des 57-Jährigen auch woanders einen dunklen Fleck abbekommen hat, ist in den Wirren des Kerviel-Skandals bisher so gut wie untergegangen. Für das 4. Quartal hatte er Subprime-Abschreibungen von zwei Milliarden Euro zu verantworten. Der Gewinn 2007 schmilzt damit auf maximal 800 Millionen Euro.