Nur jedes fünfte Volksschulkind ist geimpft

Von Martina Madner

Politik

Der Anteil der Eltern mit Bedenken sinkt zwar, Wien will die Impfquote mit Angeboten an Volksschulen erhöhen.


Eine Achtjährige konnte es kaum erwarten: "‚Warum bin ich noch nicht geimpft, wann komm’ ich endlich dran?‘, hat mich meine Tochter gefragt", erzählt eine Mutter im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". "Du willst nicht, dass dein Kind mit einer Myokarditis daliegt", erklärt der selbst geimpfte Vater eines neun- und eines zwölfjährigen Buben seine Skepsis. Und: "Wir lassen nicht impfen, auch weil unsere Kinderärztin mit Omikron keine Empfehlung mehr abgibt."

"Wir sind keine Hardcore-Impfer", sagt die Mutter einer Siebenjährigen. Sie habe etwa bei der Sechsfachimpfung länger zugewartet. Anders bei Covid-19: "Ich bin davon überzeugt, dass die Impfung auch bei Kindern wirkt und sie vor schweren Verläufen und Long-Covid schützt."

"Eltern haben Ängste, machen sich Sorgen", sagt wiederum die Mutter eines ungeimpften Zwölfjährigen. "Ich bin mir nicht sicher, ob es sicher ist", erklärt sie. Die Technologie des Impfstoffes sei experimentell, das sei bei der Polio-Impfung anders: "Das ist ein lange bewährtes, traditionelles Verfahren", erklärt sie, warum ein zugelassener Totimpfstoff gegen Covid-19 für sie "nochmals eine neue Überlegung wäre".

Die "Wiener Zeitung" hat sich dazu entschieden, die Eltern, die ihre Motive und Bedenken offenlegten, gleichermaßen zu anonymisieren, um sie vor möglichen negativen Reaktionen zu schützen. Klar ist, dass bislang vor allem jüngere Kinder kaum gegen Sars-CoV-2 geimpft wurden, dass aber auch nicht jede Eltern-Entscheidung - egal, ob pro oder kontra - in Stein gemeißelt scheint.

19 Prozent doppelt geimpfte Sechs- bis Zehnjährige

In der Familie der Achtjährigen ist es "ganz normal ist, sich auch gegen Corona impfen zu lassen". Aktuelle Daten des Gesundheitsministeriums, die der "Wiener Zeitung" vorliegen, zeigen: Unter den Älteren scheint es diese Normalität zu geben. 72 Prozent der Jugendlichen zwischen 15 und 18 Jahren sind doppelt geimpft. Bei Schülerinnen und Schülern in AHS-Unterstufen und Neuen Mittelschulen sind es mittlerweile 44,5 Prozent. Bei Kindern im Volksschulalter sind es aktuell 18,6 Prozent mit vollem Impfschutz - also zwei Impfdosen wie bei anderen unter 18-Jährigen.

Der Anteil an gegen Sars-CoV-2 geimpften Kindern und Jugendlichen steigt seit der EMA-Entscheidung am 25. November 2021, dass der Pfizer/Biontech-Impfstoff auch für Kinder ab fünf Jahren geeignet ist. Je jünger aber die Kinder sind, desto langsamer.

Dabei hat sich die Einstellung der Eltern mit Kindern unter 14 Jahren laut Umfrage des Austrian Corona Panels der Uni Wien und Politikwissenschafterin Julia Partheymüller im Laufe der Pandemie verändert. Im Juni 2020 sagten von den jeweils um die 300 befragten Elternteile 21 Prozent, dass sie ihre Kinder ehestmöglich gegen Corona impfen lassen würden - 43 Prozent aber, dass sie das keinesfalls tun wollen.

Das hat sich Ende November auf 37 Prozent pro und 31 Prozent kontra Kinderimpfung gedreht. Im Jänner sagten nun 41 Prozent, dass ihre Kinder unter 14 entweder bereits geimpft sind oder noch werden, und 31 Prozent, dass sie das nicht machen wollen.

Abwägen möglicher Folgen von Krankheit und Impfung

Die Gründe wurden nicht abgefragt, für Partheymüller liegt es aber nahe, "dass wie bei Erwachsenen auch bei Kindern vor allem Sicherheit und Wirksamkeit gegeneinander abgewogen werden". Gerade bei Kinderimpfungen gebe es aber auch Mythen, denen sie selbst - "weil längst widerlegt, nicht nochmals Raum geben will".

Das Gesundheitsministerium begegnet einigen Gerüchten mit Fakten: "Es gibt keine Hinweise darauf, dass die Impfungen gegen Covid-19 Autismus verursachen", heißt es da zum Beispiel, auch nicht für andere Impfungen. Bei der Studie, an der nur zwölf Kinder teilgenommen haben, sei der britische Arzt Andrew Wakefield vorab für das passende Ergebnis bezahlt worden. Andere, größere Studien belegten seine Behauptung außerdem nicht.

Obwohl oder auch weil derzeit über kaum eine Erkrankung und Impfstoffe dagegen so viel geforscht, Erkenntnisse in kurzer Zeit be- und widerlegt wurden wie bei Covid-19, sorgen auch seriöse Studien für Bedenken. Deshalb aber wurden und werden die Anwendungsempfehlungen des Nationalen Impfgremiums zu den Covid-Impfungen - auch zu Kindern und Jugendlichen - immer wieder erneuert. Weil internationale Sicherheitsberichte etwa "von einem erhöhten Auftreten" von Myokarditis, also Herzmuskelentzündungen nach Moderna-Impfungen bei Jüngeren berichteten, werden alle unter 30 mit dem Biontech/Pfizer-Impfstoff geimpft.

Daniela Karall, Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde (ÖGKJ), rät Eltern dazu, Risiken der Impfungen aber auch mit jenen der Erkrankung abzuwägen - auch bei Kindern. "Herzmuskelentzündungen kommen nach der Impfung in einem von 50.000 bis 100.000 Fällen vor, aber in einem Fall von 5.000 bis 10.000 schweren Covid-Erkrankungen", sagt Karall. Und: "Postvirale Multisystemerkrankungen, kurz PIMS, ist nach Impfungen noch deutlich seltener als bei einer Infektion. Da liegt das Verhältnis bei 1 zu 100."

Es dauert, bis vermutete Nebenwirkungen der Impfstoffe, wie sie zum Beispiel in den Berichten des Bundesamts für Sicherheit im Gesundheitswesen angeführt sind, be- oder auch widerlegt werden - eine abschließende Bewertung des nach einer Impfung verstorbenen 12-Jährigen sei etwa noch nicht möglich. Zu erforschen, wie sich die Folgen von Covid-19 mit neuen Varianten verändern, braucht ebenfalls Zeit. Bis September 2021 hatten 142 von rund 100.000 infizierten Kindern in Österreich jedenfalls PIMS, sechs von zehn benötigten intensivmedizinische Behandlung. "In Österreich sind bereits Kinder daran verstorben", sagt auch Dieter Furthner, Leiter der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde am Salzkammergut Klinikum Vöcklabruck.

Verhärtete Fronten machen Kindern zu schaffen

Ob sich die Folgen einer Covid-19-Erkrankung mit Omikron für Kinder und Jugendliche auf Dauer abmildern, wird sich erst zeigen. "Die jetzige Omikronwelle kann vieles verändern", heißt es in einem Schreiben der Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde. Die Ärztinnen und Ärzte gehen allerdings auch davon aus, dass Sars-CoV-2 im Herbst zurückkehren könne. Und: "Ob die Verläufe dann noch milder als bei Omikron sein werden oder doch wieder eine aggressivere Variante auftritt, lässt sich derzeit nicht seriös prognostizieren." Die ÖGKJ empfiehlt die Impfung für Kinder und Jugendliche deshalb weiterhin - wie bisher schon freiwillig, mit kindergerechter Aufklärung und ohne Benachteiligungen von ungeimpften Kindern.

Die Anrufe bei Rat auf Draht (Tel.: 147), dem Notruf für Kinder und Jugendlichen in Krisen, zeigen, dass diese weniger das Ja oder Nein zur Impfung belastet: "Da geht es nicht um Ängste vor der Impfstoff, sondern eher um die Belastung durch die Auseinandersetzung darüber innerhalb der Familie", sagt Rat-auf-Draht-Leiterin Birgit Satke. Druck erzeuge, wenn Jugendliche sich impfen lassen wollen, Eltern aber dagegen sind oder wenn "zwei Fronten aufeinanderprallen", einmal pro, einmal kontra Impfung: "Da fühlen sich Kinder zwischen den Stühlen." Nur ein Kind berichtete bislang von Druck an der Schule. Überhaupt sei der zu bewältigende Schulstoff laut Satke das weit größere Problem als Impfungen.

Die Politikwissenschaftlerin Katharina Theresa Paul von der Universität Wien sieht in der Schule auch einen möglichen Ort für Aufklärung rund um die Impfungen: "Schulärztinnen und -ärzte könnten auch Eltern beraten, könnten jene, die noch zögern, motivieren."

Wien geht bereits in diese Richtung: Das Pilotprojekt, an Volksschulen gegen Covid-19 zu impfen, wird nach den Semesterferien, ab 14. Februar ausgerollt, die "Wiener Zeitung" berichtete. Laut Auskunft aus dem Büro von Bildungsdirektor Heinrich Himmer sind 185 von 225 Volksschulen in Wien dabei. Der Haken: 40 können mangels Schularzt oder -ärztin "nicht versorgt" werden. Die Impfquote könnte jedenfalls steigen: In den acht Pilotschulen haben je nach Schulstandort zwischen zehn und 30 Prozent teilgenommen.