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"Nur stupide Chefs sind zufrieden"

Von Helmut Dité

Wirtschaft

26 neue Renault-Modelle bis 2009. | Nissan kommt mit "Infiniti" nach Europa. | St. Wolfgang. "Nur die stupiden Vorstandschefs sind mit dem Zustand ihrer Firma zufrieden - wir anderen sind dazu da, ständig alles zu verbessern". Seit er ab 1999 den damals konkursreifen japanischen Autobauer Nissan im "spektakulärsten Turnaround der Industriegeschichte" saniert und zu einem der profitabelsten Hersteller der Branche gemacht hat, ist Carlos Ghosn ein - wenn nicht "der" - Guru der Automobilindustrie. Vor zwei Jahren ist der 53jährige gebürtige Brasilianer, Absolvent französischer Eliteschulen und zunächst Manager beim Reifenriesen Michelin, angetreten, auch den schwächelnden französischen Autokonzern Renault zu sanieren.


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Nach dem "Übergangsjahr" 2006 mit sinkenden Umsätzen und Renditen, das dem doppelten Chef, dessen zwei Schreibtische in Tokio und Paris fast 15.000 Kilometer voneinander entfernt stehen, erstmals auch Kritik eintrug, sieht Ghosn den europäischen Teil des globalen Konzerns trotz weiter gesunkenen Absatzes wieder auf Kurs. Renault hält an Nissan rund 45 Prozent, Nissan umgekehrt an Renault 15 Prozent, zusammen baut man heuer weltweit an die sechs Millionen Autos und ist damit die Nummer Vier der Branche.

Über Zukäufe und weitere Fusionen will er aber vorerst nicht mehr diskutieren, obwohl die Branche vor allem in den gesättigten Märkten Europa, USA und Japan "nicht sehr profitabel ist und weitere Konsolidierungen kommen werden".

Vorerst aber müsse Renault allein expandieren, betonte Ghosn am Mittwoch in St. Wolfgang im Salzkammergut, wo Renault derzeit sechs Wochen lang mehr als tausend Fachjournalisten und Großkunden aus aller Welt den neuen Hoffnungsträger der Marke, die Mittelklasselimousine Laguna, vorstellt.

Bis 2009 Rendite höher

Die Fusionsgespräche mit General Motors, die er im Vorjahr geführt hat, seien unwiderruflich zu Ende. An Chrysler war man nicht interessiert, auch Jaguar oder Volvo, die derzeit vom Ford-Konzern abgestoßen werden sollen, werde man nicht kaufen. "Es gibt zwar Leute, die sagen, Volvo würde gut zu uns passen - aber eine solche Milliardeninvestition müsste auch gewinnbringend darstellbar sein, und das können wir derzeit nicht". Stattdessen sollen die Synergien mit Nissan weiter ausgebaut werden, ab 2008 bringen die Japaner ihre vor allem in den USA erfolgreiche Luxusmarke "Infiniti" auch auf den europäischen Markt.

Ghosn, der Dynamiker, dem nachgesagt wird, dass keines seiner Meetings länger als 55 Minuten dauern und keinesfalls ohne eine Entscheidung zu Ende gehen darf, hat Renault einen "Contrat 2009" verordnet. So wie zuvor bei Nissan, wo er das Programm "180" nannte - was hieß: eine Million Autos mehr verkaufen, 8 Prozent Rendite erzielen und den Schuldenstand auf Null senken - hat das als Vertrag bezeichnete Renault-Sanierungsprogramm auch drei Kernziele: Bis 2009 soll die Gewinnmarge auf sechs Prozent - von zuletzt 2,5 Prozent - ansteigen; Renault soll dann 3,3 Millionen Autos verkaufen - um 800.000 mehr als derzeit. Und, fast der wichtigste Punkt: Die neuen Autos, allen voran der nächste Woche selbstbewusst ausgerechnet mitten in "Feindesland" bei der Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt seine Premiere feiernde "Laguna", sollen qualitativ jeweils in die "Top 3" ihrer Klasse aufrücken.

Andere gravierende Sorgen räumt Ghosn ebenso freimütig ein: "Wir hängen immer noch zu sehr von einer einzigen Modellreihe, dem Megane, ab - und wir hängen immer noch zu sehr vom europäischen, speziell französischen Markt ab". Erst knapp jedes dritte Auto wird außerhalb Europas verkauft. Gerade dort aber sieht Ghosn die wirklich großen Wachstumschancen: in Russland, Indien und China, teilweise auch in Lateinamerika und Afrika.

Das Billigauto Logan, von dem seit 2004 gut eine halbe Million Stück verkauft wurden, läuft mittlerweile nicht nur bei der rumänischen Renault-Tochter Dacia vom Band, sondern wird auch in Russland, Marokko, Kolumbien, Argentinien und Indien montiert und spielt im Wachstumsplan eine große Rolle.

"Wer keine neuen Modelle hat, kann nicht wachsen": Deshalb sollen bis 2009 gleich 26 neue Renault-Fahrzeuge auf den Markt kommen. Und zwar "Autos zum Leben, die man sich auch leisten kann". Denn, Umweltfreundlichkeit hin, Sicherheit her, letztlich sind die Kosten das Entscheidende, davon ist der harte Rechner fest überzeugt.