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O-Ton dort, wo er am Platz ist

Von Manfred A. Schmid

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Es gibt Wissenschafter und Schriftsteller, die rhetorisch so brillant sind, dass sie selbst mit Recht als die besten Interpreten ihrer Texte gelten. Beispiele dafür sind Michael Köhlmeier mit seinen "Biblischen Geschichten" oder Konrad Paul Liessmann mit seinen Philosophenporträts. Kein Wunder also, dass diese Ö1-Sendungen auch als CD-Editionen ein Hit sind. Zum gediegenen Vortrag kommt da die Aura des Authentischen, und das ist etwas, was der bestgeschulte Radiosprecher nicht vermitteln kann.

Zuweilen gibt es sogar Autoren, die ihre Manuskripte derart packend darzubieten verstehen, dass man der Versuchung widerstehen sollte, sie selbst nachzulesen. Es kann dann nämlich passieren, dass die Qualität der Texte mit der des Vortrags nicht mithält. Auch dafür ist mir ein Beispiel in Erinnerung: Wann immer der inzwischen verstorbene Schriftsteller Humbert Fink mit seiner markanten, raunenden und geheimnisumwitterten Stimme im Radio das Wort ergriff, lauschte ich wie gebannt. Die Lektüre selbst war dann meist eine Enttäuschung.

Sogenannten "Dichterlesungen" verdanken wir die Erfahrung, dass mangelnde Vortragskunst dem Hörgenuss abträglich ist. Dort ist das aber nicht zuletzt oft auch eine Honorarfrage. Warum aber im inhaltlich anspruchsvollen "Österreich 1 Essay" am Freitag um 9.45 Uhr immer wieder Autoren - wie zuletzt Bernd Guggenberger - ihre eigenen Texte verlesen, obwohl sie das nicht wirklich können, ist weniger zu begreifen. O-Ton gut und schön, wo er am Platz ist. Wenn man aber eine Viertelstunde lang gezwungen ist, einen lähmenden Vortrag über sich zu ergehen lassen, dann tut man damit weder dem Hörer noch dem Text etwas Gutes.