PodcastDie USA wollen Kapitel abschließen | - ein Totalabzug ist nicht realistisch.
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Washington/Kabul. Die Misstöne schienen endgültig verklungen, als Kabuls starker Mann Hamid Karzai am Freitag in Washington mit US-Präsident Barack Obama zusammentraf. Einen halben Tag nahm sich der Demokrat Zeit, zwei Besprechungen am Vormittag und ein Arbeitsessen waren allein dem afghanischen Präsidenten gewidmet. Es herrschte bestes Einvernehmen - zumindest nach außen.
Es ist ein offenes Geheimnis, dass Obama und Karzai keine Freunde sind. Der Demokrat ließ seinen Gast in der Vergangenheit spüren, dass man ihn für unzuverlässig hält, der Afghane schoss zurück: Die Jahre der militärischen Intervention hätten außer zivilen Opfern nichts gebracht und man denke darüber nach, die strategische Zusammenarbeit aufzukündigen.
Hinter den Kulissen wurde auch am Freitag hart gerungen. Es geht um die endgültige Klärung der Frage, wie schnell und in welchem Umfang die USA ihre Soldaten aus Afghanistan abziehen. Zuletzt brachte das Weiße Haus die "Option Zero" ins Spiel; demnach würde nach 2014 kein einziger US-Soldat in der unsicheren Region am Hindukusch verbleiben: Eine Horrorvision für Karzai, dem die Taliban im Nacken sitzen und der 2001 von George W. Bush beauftragt worden war, das Land von Terroristen zu säubern. Militärstrategen wissen, dass ein Totalabzug im Pentagon nicht ernsthaft erwogen wird. Vielmehr geht es darum, in den finalen Verhandlungen Druck auf Karzai auszuüben. US-Verteidigungsminister Leon Panetta machte klar, dass die Drohung strategisch nicht günstig ist. Damit würde man sich um Verhandlungsspielraum mit den Taliban bringen, die Uncle Sam und alle seine Verbündeten lieber heute als morgen aus dem Land jagen würden. "Je mehr wir uns zu einer starken Präsenz in Afghanistan verpflichten, desto größer sind die Chancen, dort eine politische Lösung zustande zu bringen", so Panettas Credo.
Nun versucht man sich zu arrangieren, beide Seiten wissen, dass man in Ermangelung von Alternativen aufeinander angewiesen ist. Die USA wollen von Karzai die Garantie, dass Afghanistan nie wieder ein Terroristen-Staat wird. Auch Karzai hat eine lange Wunschliste mitgebracht; er will militärische Ausrüstung, bestehend aus Kampfdrohnen, Hubschraubern und schwerem Gerät. Ab dem Frühling sollen seine Truppen die Hauptverantwortung in Afghanistan tragen. Die US-Armee wird dann nur noch eine unterstützende Rolle übernehmen - also beraten und ausbilden.
"Wir haben einen langen und schwierigen Weg hinter uns. Nun sind wir beim letzten Kapitel angelangt, was die Schaffung eines souveränen Afghanistan betrifft, das sich künftig selbst regieren und für seine Sicherheit sorgen kann", verkündete Panetta nach Gesprächen mit Karzai. Der beeilte sich zu versichern, dass es genau so sein werde.
Beteuerungen, über die politische Beobachter nur lachen: Der afghanische Staatsapparat ist korrupt, die Taliban konnten von der Nato weder besiegt noch in einen Friedensprozess eingebunden werden. Sie sind bereit, nach dem Abzug der Nato erneut die Macht zu übernehmen. Auch der ehemalige Premier Gulbuddin Hekmatyar und seine Kämpfer wetzen bereits die Messer. Der Warlord führt die islamistische Miliz Hezb-i-Islami, die zweitgrößte militante Bewegung nach den Taliban, an. Welche politische Bedeutung er künftig haben wird, ist unklar. Sicher ist, dass er Karzai nicht wohlgesonnen ist.
US-Kontingent bleibt
Obama weiß, dass die US-Bevölkerung kriegsmüde ist, bis Freitag sind 2042 GIs in Afghanistan gefallen. Der Präsident hat im Wahlkampf versprochen, den Großteil der 66.000 Soldaten nach Hause zu holen. Es gilt als wahrscheinlich, dass vorerst 3000 bis 9000 US-Soldaten in Afghanistan bleiben. Die Generäle denken nicht in politischen, sondern militärischen Kategorien, sie gehen von 15.000 GIs aus. Chuck Hagel, Obamas neuer Verteidigungsminister, will die Zahl der verbleibenden US-Soldaten aber gering halten. Die Republikaner warnen vor einem zu raschen Abzug und einer zu kleinen US-Garnison am Hindukusch.
Zudem tobt ein heftiger Streit, wer künftig das Kommando hat. Karzai will, dass nach 2014 keine Afghanen unter US-Befehlen stehen. In Washington kann man sich das nicht vorstellen; zu gering ist das Vertrauen in die Kompetenzen der afghanischen Befehlshaber.
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