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Obamas Heimspiel in Harlem

Von WZ-Korrespondent Matthias G. Bernold

Politik

50 Dollar für die Tickets und die Fans stehen Schlange. | Kernthemen finden bei Schwarzen viel Anklang. | NewYork. Wenn die 125. Straße die Aorta Harlems ist, dann ist das Apollo Theater das Herz. Die traditionsreiche Spielstätte pumpt nicht nur Schaulustige und Touristen in den Norden Manhattans. Sie ist vor allem Symbol afroamerikanischer Kultur und Geschichte.


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Jeden Mittwoch treten in dem 1914 gegründeten Theater unbekannte Künstler auf, sie steppen, singen, rappen, reißen Witze. Ruhm oder Lächerlichkeit: Das in seiner Kritik gnadenlose Publikum entscheidet über das Schicksal eines jeden, der hier auf die Bühne tritt. Ella Fitzgerald, Billie Holiday, James Brown oder die Jackson 5 wurden hier entdeckt. Unzählige wurden ausgepfiffen und von der Bühne gejagt.

Barack Obama, der derzeit am höchsten gehandelte Widersacher von Hillary Clinton ums Amt des demokratischen Präsidentschaftskandidaten, ging weniger Risiko ein. Er hat in Harlem ein Heimspiel. Mit seinen Kernthemen - Irakkrieg beenden, Krankenversicherung für alle einführen, Steuererleichterungen für Unternehmen beseitigen, die Arbeitsplätze nach Asien auslagern - erzielt er unter den farbigen Bewohnern New Yorks hohe Zustimmungswerte.

Zweieinhalb Stunden vor Beginn des Fundraisers - 50 Dollar waren für die Tickets zu bezahlen - standen Hunderte Schlange. Einlass war für 19 Uhr angekündigt, aber wegen der rigiden Kontrollen ist der Saal kurz vor 20 Uhr immer noch halb leer.

Politik und Kommerz vor dem Theater

Draußen, zwischen Straßenhändlern sammeln Obama-Wahlkampfhelfer Unterschriften. Wer will, kann sich in Listen eintragen, um in der Kampagne des Senators aus Illinois mitzuarbeiten. Eine dreiköpfige Schlagzeugtruppe rührte vor dem Eingang des Apollo-Theaters die Trommeln. Franco "The Great", der in Harlem neun von zehn Rollläden der Geschäftslokale mit seinen Graffiti verziert hat, hält ein Obama Gemälde in die Höhe, während schräg vis-à-vis ein Prediger den Passanten ins Gewissen redet. "In nur einer Stunde", sagt er, "bist du getauft. Du kannst dich jetzt entscheiden, ob du dein Leben mit Gott verbringen willst, oder in die Hölle gehst."

Ab 20.30 Uhr ist der Allmächtige auch im Inneren des ausverkauften Theaters allgegenwärtig. Eröffnet wird die Wahlkampfnacht von einer lokalen Gospelgruppe. "Habt ihr eine gute Zeit?", fragt die Leadsängerin der zehnköpfigen Truppe in die Runde, "dann steht auf!". Und im Parterre und auf den beiden Balkonen erhebt sich das fein gewandete Publikum von den roten Samtsitzen, klatscht im Rhythmus und ruft: "Hallelujah, hallelujah".

Der sich öffnende mächtige rote Vorhang des Theaters, das mit 1500 Sitzplätzen rund drei Mal groß ist wie die Wiener Josefstadt, hat den Blick auf eine US-amerikanische Fahne frei gegeben. Die einzige übrigens, die an diesem Abend zu sehen ist. Die Stimmung ist eine Mischung aus Messe und Popkonzert.

Auftritt Obamas mit Gottes Segen

Inzwischen ist es 20.45, und Reverend Gregory Robeson Smith an der Reihe. "Gott segne Barack Obama", ruft er mit ausgebreiteten Armen, "er schenke ihm einen klaren Blick und gebe ihm die Kraft, den Armen und Notleidenden zu helfen."

Nach einem eigenwilligen Akt der Geigerin Kirsten Stevens, mit elektrischer Violine und Halbplayback, nehmen der Entertainer Chris Rock and der Links-Intellektuelle Cornell West das Publikum in die Pflicht: "Jeder einzelne von euch - und das jeden Tag - muss es hinaustragen. Ihr müsst mit euren Kollegen und Freunden darüber reden. Amerika ist bereit für Barack Obama".

Spätestens jetzt ist auch der Saal bereit für den Senator. "Fire it up - Ready to go, Fire it up - Ready to go", wird von den Rängen skandiert.

Um 21.15 Uhr - der Vorhang ist wieder geschlossen, die Flagge verhüllt- ist die Begeisterung groß, als sich endlich Obama zeigt. "Die Nation befindet sich im Krieg, der Planet ist in Gefahr, im ganzen Land kommen die Leute ins Straucheln, der amerikanische Traum verflüchtigt sich, Benzin wird teurer, noch nie mussten die Amerikaner so viel für so wenig Geld arbeiten", sagt Obama. Die Demokraten müssten ihre Politik in diesen Fragen nach Prinzipien und nicht nach Meinungsumfragen ausrichten, erklärte er mit einem Seitenhieb auf Rivalin Clinton, "Ich habe nie für den Irakkrieg gestimmt und später meine Meinung geändert. Ich war von Anfang an dagegen."

"Ihr dürft nicht das Vertrauen verlieren", sagt Obama zum Abschied, bevor er im Blitzlichtgewitter und mit durchgeschüttelten Händen, hinter dem Vorhang verschwindet, "ihr müsst mich stärken, damit ich euch stärken kann". Die Fans bedanken sich mit Standing Ovations, und der Mann in der hinteren Reihe seufzt entrückt: "Amen."