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Migrationsforscher Peter Huber über Flüchtlinge am Arbeitsmarkt.
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Wien. Wie fast jede öffentliche Debatte heuer standen die diesjährigen Toleranzgespräche im beschaulichen Kärntner Bergdorf Fresach im Zeichen der aktuellen Flüchtlingskrise. Drei Tage lang sprachen Forscher, Wirtschaftstreibende, zivilgesellschaftliche Initiativen und Bürger über Europa im Wandel, die Folgen des Klimawandels und seine Folgen in der Flüchtlingskrise sowie den Umgang mit den Schutzsuchenden in Österreich. Die "Wiener Zeitung" sprach mit dem Ökonomen und Migrationsforscher Peter Huber über die Integration am Arbeitsmarkt, und ob es eine Obergrenze für Schutzsuchende geben kann.
"Wiener Zeitung": Sie haben im Rahmen Ihres Vortrags gesagt, dass Angela Merkels Schlagworte im Zuge der Flüchtlingskrise "Wir schaffen das!" die empirisch und historisch am besten belegbare politische Aussage seien. Was meinen Sie damit?Peter Huber: Es ist kaum vorstellbar, dass eine Region durch Zuwanderung ausstirbt. Ich kann eine Region durch Abwanderung zugrunde richten, aber durch Zuwanderung wird das nicht passieren. Unbenommen bleibt natürlich, dass Zuwanderung auch Herausforderungen mit sich bringt.
Welche genau?
Die größte Herausforderung ist die Integration. Wir kennen Erfolgsgeschichten, die Anlass zu Optimismus geben. Wir wissen aber auch, dass, wenn diese Integrationsphase nicht funktioniert, es Auswirkungen bis in die zweite Generation geben wird. Wir sehen das bei einem Teil der türkischen Community. Wenn wir Integration nicht rechtzeitig bewerkstelligen, bleibt die zweite Einwanderergeneration in sozial schwierigen Situationen, und wir können nicht die Arbeitsplätze schaffen, die sie braucht.
Kommen wir zum Thema Flüchtlinge. Wie schnell kann die Integration in den Arbeitsmarkt gelingen? Laut AMS finden nach einem Jahr knapp zehn Prozent der anerkannten Asylwerber einen Job.
Das halte ich für eine durchaus realistische Einschätzung. Die OECD sagt hier: Frühzeitig schulen, Sprachkurse anbieten, gerade im Flüchtlingsbereich sowohl psychische als auch physische gesundheitliche Probleme betrachten. Hinzu kommen lokale Ansätze. In vielen Ländern sind Flüchtlinge Träger von Freiwilligenarbeit.
Aktuell sind ungefähr 24.000 Menschen mit Asylstatus als jobsuchend gemeldet. Der Kompetenzcheck des AMS hat ergeben, dass ein Teil höchstens einen Pflichtschulabschluss hat. Wie sollen diese Menschen in einer immer komplexer werdenden und anspruchsvollen Arbeitswelt einen Job finden?
Die Asylzahlen zeigen, dass wir relativ viele unbegleitete Minderjährige haben, und immer mehr Flüchtlinge kommen im Alter von unter 25 Jahren. Das sind Altersgruppen, die für eine Erstausbildung noch zugänglich sind. Wir sehen bei allen Zuwanderern, die im Alter von 14 bis 16 Jahren nach Österreich kommen, ein besonders hohes Risiko, keinen Bildungsabschluss zu erlangen, weil sie an der Pflichtschulgrenze sind und oft keine Informationen haben. Schwieriger ist die Situation bei Leuten im höheren Alter, die für eine Erstausbildung nicht mehr zugänglich sind. Hier ist es wichtig, Teilqualifikationen anzuerkennen, Fähigkeiten, die Menschen in irgendeiner Form gelernt haben.
In der AMS-Statistik der jobsuchenden Asylwerber ist die Gruppe der Tschetschenen weit vorne. Diese Menschen sind aber großteils seit zehn Jahren da. Welche Fehler hat man bei deren Integration in den Arbeitsmarkt gemacht?
Wir haben in Österreich kaum Untersuchungen, die sich die Integrationsprozesse auf individueller Ebene im Zeitverlauf anschauen. Das Interesse an der Fragestellung steigt erst jetzt.
Sollen Flüchtlinge schon während des Asylverfahrens arbeiten dürfen?
Man sollte, zumindest bei jener Gruppe, die sehr wahrscheinlich einen positiven Bescheid bekommen wird, großzügiger sein. Ich bin aber bewusst vorsichtig. Wir haben eine Untersuchung gemacht, die zeigt, dass bei 30.000 Asylwerbern der Anstieg der Arbeitslosigkeit bei 0,2 Prozentpunkten liegt. In der frühen Phase der Ankunft wären vor allem die Ermittlung der Qualifikationen und der Spracherwerb wichtig. Wenn man einen 20-Jährigen zwei Jahre lang sitzen lässt, hat man einen Problemfall geschaffen.
Sie haben die Ungarn-Krise in den 1950ern erwähnt. Im Bosnien-Krieg kamen rund 90.000 Menschen zu uns. Was war damals anders als heute?
Objektiv gesehen sind wir heute reicher als in Zeiten der Ungarn-Krise etwa. Eigentlich sollten wir heute besser gerüstet sein. Wir arbeiten aber in einem europäischen Umfeld. Und wenn man keine internationale Solidarität spürt, wird man als Land auch egoistischer.
Spielt nicht auch das wirtschaftliche Umfeld eine Rolle? In den 1990ern hatte Österreich noch ein BIP-Wachstum von um die 2,5 Prozent. Heute sind wir weit davon entfernt, die Arbeitslosigkeit ist nahe der Zehn-Prozent-Marke.
Es waren andere Zeiten. Auch in den 190ern hatten wir einen Wachstumsboom, das hat sicher geholfen. Heute führt die wirtschaftliche Unsicherheit dazu, Neuerungen negativ zu bewerten.
Die Regierung hat sich darauf geeinigt, nicht mehr als 37.500 Asylanträge anzunehmen. Gibt es in Österreich eine natürliche Obergrenze der Zuwanderung - aus wissenschaftlicher Sicht?
Die Menschen beunruhigen nicht Niveauzahlen, sondern Zuwächse. Wenn ich in einem Jahr 90.000 habe, schreien alle. Wenn ich in fünf Jahren je 20.000 habe, zuckt niemand mit der Wimper. Wissenschaftlich gibt es keine Obergrenze, die man quantitativ festmachen kann. Das ist eine politische Entscheidung, die als solche zu akzeptieren ist.
Welche konkreten Maßnahmen braucht es jetzt, damit sich Merkerls Schlagworte "Wir schaffen das!" bewahrheiten?
Frühzeitige Erfassung in Schulungen, Sprache, Erfassung der Qualifikation und eine bessere Integration ins Bildungssystem von jungen Flüchtlingen.
Fast genau vor einem Jahr entstanden die ersten Zeltstädte für Flüchtlinge (wie hier in Linz).
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