Zum Hauptinhalt springen

Oberwart - 15 Jahre danach

Von Katharina Schmidt

Politik

Sarközi: Anschlag führte zu politischem Kleinkrieg auf dem Rücken der Opfer. | Historiker: Lebenssituation der Roma hat sich verbessert. | Wien. 15 Jahre danach geht es ihnen besser. In Oberwart und in Österreich. Davon ist Rudolf Sarközi, Vorsitzender des Volksgruppenbeirates der Roma, überzeugt.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 16 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

In der Nacht vom 4. auf den 5. Februar 1995 starben vier junge Bewohner der Roma-Siedlung im südburgenländischen Oberwart. Sie wollten ein Schild entfernen, auf dem zu lesen stand: "Roma zurück nach Indien." Josef Simon (40), Peter Sarközi (27) sowie Karl (22) und Erwin Horvath (18) wurden durch die darunter befestigte Rohrbombe getötet. Der Täter, Briefbomber Franz Fuchs, wurde 1997 bei einer Routinekontrolle festgenommen. 1999 wurde der damals 49-Jährige, der unter dem obskuren Pseudonym "Bajuwarische Befreiungsarmee" (BBA) agierte, zu lebenslanger Haft verurteilt - ein Jahr später beging er in seiner Zelle Selbstmord.

Rudolf Sarközi erinnert sich mit Schrecken an die damalige politische Debatte: Der Anschlag habe einen politischen Kleinkrieg zwischen Rechts und Links ausgelöst, der auf dem Rücken "unserer Opfer" ausgetragen worden sei, sagt er zur "Wiener Zeitung". So fragte etwa der damalige FPÖ-Chef Jörg Haider: "Wer sagt, dass es da nicht um einen Konflikt bei einem Waffengeschäft, einem Autoschieber-Deal oder um Drogen gegangen ist?" Und machte damit die Opfer zu Verdächtigen.

Doch der Anschlag hatte auch eine andere Dimension: Die Roma, bisher eine wenig beachtete Randgruppe der Gesellschaft, bekamen plötzlich öffentliche Aufmerksamkeit. "Nach dem Attentat kam es zu einem Schulterschluss des politischen Systems mit den Roma", meint der Historiker Gerhard Baumgartner, der maßgeblich an der Erforschung der Geschichte der Roma beteiligt war. Diese plötzliche Solidarität sei für die Roma neu gewesen.

Ungewohnte Solidarität der Politik mit Roma

Auch in Oberwart zeigte sich diese Solidarität: Die Roma-Siedlung - zwölf Häuser in Gemeindebesitz - wurde renoviert. Laut Sarközi ging das teilweise zögerlich vonstatten, aber immerhin. Mit Spenden gründete er damals den "Roma-Fonds", aus dem bis heute Jugendliche bei der Ausbildung unterstützt werden.

Für die rund 150 in Oberwart ansässigen Roma werden Nachmittagsbetreuung und Schulungsmaßnahmen angeboten. Einige der Roma sind mittlerweile aus der Siedlung am Stadtrand in städtische Mietwohnungen gezogen. "Es ist mittlerweile nicht mehr so, dass keiner mehr einen Rom als Nachbar haben will", sagt Sarközi - das Zusammenleben funktioniere sehr gut. Das bestätigt auch der Oberwarter SPÖ-Bürgermeister Gerhard Pongracz: "Es gibt immer schwarze Schafe, aber ich glaube nicht, dass es in Oberwart Rassismus gibt", sagt er - freilich nicht ohne zu betonen, dass der Südsteirer Franz Fuchs eben nicht aus Oberwart stammte.

Nachholbedarfim Bildungsbereich

Das Hauptproblem der Roma sieht Sarközi heute im Nachholbedarf, was die Bildung betrifft. Auch Baumgartner spricht von einer "ererbten weitgehenden Benachteiligung im schulischen Sektor". Diese sei aber heute schon großteils ausgeglichen: Zu Beginn der 1990er Jahre - 1993 wurden die Roma als Volksgruppe anerkannt - sei ihr Bildungsstand "katastrophal" gewesen. Durch Maßnahmen wie die Lernbetreuung könne man heute die Schulkarrieren der Roma und Nicht-Roma kaum noch unterscheiden. Trotz nach wie vor bestehender gesellschaftlicher Vorurteile habe sich die "Gesamtsituation der Roma in den 15 Jahren seit dem Attentat sehr verbessert", so Baumgartner.

In Oberwart fand am Donnerstagabend eine Veranstaltung zum 15-jährigen Gedenken statt. Bundeskanzler Werner Faymann mahnte im Vorfeld einen "respektvollen, fairen und gerechten Umgang mit allen Volksgruppen" ein.