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Offene Gräben kunstvoll zugeschüttet

Von Peter Kantor

Europaarchiv

Fratres zählt 28 Einwohner, besteht aus 29 Häusern und einer Kapelle. Wäre da nicht der nur einen Steinwurf entfernte Grenzübergang, so würde niemals die Rede auf den unscheinbaren Ort im nördlichen Waldviertel kommen. So aber ist Fratres seit 1995 die Heimstätte eines erstaunlichen Projekts, das Österreich und Tschechien, bildende Kunst, Literatur und Musik, alte und neue Geschichte miteinander verbindet.


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Dieser Tage wurde die "Kulturbrücke Fratres" mit dem Würdigungspreis für grenzüberschreitende Kulturarbeit ausgezeichnet. "Seit der erstmaligen Verleihung des Preises im Jahr 2001 hat sich europapolitisch sehr viel getan", konstatierte Staatssekretär Franz Morak bei der Verleihung des Preises im Palais Porcia in Wien. Mittlerweile seien die damaligen EU-Beitrittskandidaten Mitglieder der Union, ein Verdienst visionär denkender Menschen.

Hinsichtlich gut nachbarschaftlicher Beziehungen und Integrationsbestrebungen in Regionen insgesamt komme Künstlern beziehungsweise grenzüberschreitender Kulturarbeit besondere Bedeutung zu, meinte Morak und würdigte insbesondere die Arbeit der Kulturbrücke Fratres. Das 28-Seelen-Dorf im nördlichen Waldviertel habe in Zusammenarbeit mit dem benachbarten tschechischen "Brückenkopf", dem Städtchen Slawonice ein vorbildliches Kulturprogramm entwickelt, das sich überdies durch seine regionale Integration auszeichne.

Peter Coreth, Mitbegründer und Programmverantwortlicher der Kulturbrücke sowie Betreiber des "Museum Humanum" in Fratres betonte, dass sich in den vergangenen Jahren viele internationale Künstler nach Fratres aufgemacht haben, obwohl sich der Name des Ortes auf keiner Landkarte finden würde. Den Preis will Coreth als Zeichen verstehen, "dass nachhaltige Kulturarbeit in dezentralen Räumen zunehmend Bedeutung beigemessen wird".

Die Kulturbrücke Fratres versteht sich mit ihren zahlreichen Veranstaltungen seit 1996 als ein offenes Forum für den interkulturellen und interdisziplinären Dialog. Vor allem im Sommer kommen hier Persönlichkeiten aus allen Bereichen des öffentlichen Lebens zusammen, eine Anlaufstelle für Kunstinteressierte aus unterschiedlichen Regionen vor allem Mitteleuropas. Zentraler Bezugspunkt der Ausstellungen und Symposien in Fratres ist das Museum Humanum der Peter-Coreth-Collection als Schauplatz zeitloser menschlicher Themen und deren künstlerischer Interpretation. Hunderte Kleinplastiken, Kultgegenstände, Amulette und frühe Werkzeuge aus fünf Kontinenten fordern im Museum Humanum zu direktem VergIeich heraus. Tierbild, Götterbild, Menschenbild lautet der Leitfaden dieser Dauerausstellung.

Das Galeriehaus auf dem großen Stadtplatz von Slavonice bildet auf tschechischer Seite das Gegenstück zum zwei Kilometer entfernten Gutshof Fratres. Ausstellungs- und Atelierräume auf zwei Etagen ermöglichen Künstlern und Kunstinteressierten aus beiden Ländern, in Workshops und kunstpkädagogischen Seminaren Projekte zu entwickeln und einer Öffentlichkeit vorzustellen.