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Ärzte, ein Bergeteam, Bürgerjournalisten und lokale Protestgruppen: Aus Helfern werden Hoffnungsträger.
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Aleppo. Mindestens 350.000 Menschen hat der syrische Bürgerkrieg mittlerweile das Leben gekostet. Als zuletzt abermals schwere Kämpfe in der Stadt Aleppo ausbrachen, starben binnen weniger Tage erneut Hunderte. Unter ihnen war Mohamed Waseem Maaz. Der letzte Kinderarzt, der im von den Rebellen gehaltenen Ost-Teil der Stadt weiter praktizierte, kam um, als am 27. April eine Bombe das al-Quds-Spital traf. Mit einem Schlag war das Leben von dutzenden Menschen ausgelöscht, Patienten und ein weiterer Arzt kamen ebenfalls um. Sechs Angriffe auf Spitäler zählte das Internationale Rote Kreuz in Syrien alleine während der vergangenen Wochen.
Der Tod des Kinderarztes löste in dem von Tragödien abgebrühten Syrien einen schrillen Entsetzensschrei aus. Längst füllen Ärzte wie er, die sich ihrem Einsatz für ihre Mitbürger verschreiben, nicht bloß eine weit klaffende Lücke im darniederliegenden Gesundheitssystem. Mehr und mehr werden sie auch zur Basis einer real existierenden Opposition. Wenn in Wien die internationale Kontaktgruppe einen weiteren Anlauf zur Rettung der Friedensgespräche unternimmt, sitzen sie jedoch nicht mit am Tisch. Doch im Bürgerkriegsland sind es mittlerweile Aktivisten, die zu den Hoffnungsträgern einer neuen Ordnung werden.
40.000 Menschen gerettet
"Die Kluft zwischen der Exil-Opposition und den Leuten, die im Kriegsgebiet leben, wird immer größer", betont Maya Hautefeuille, Sprecherin der Gruppe "Independent Doctors Association" (IDA). Diese medizinische Hilfsorganisation startete als Basis-Bewegung und gewann rasant an Bedeutung; weit über die Krankenzimmer hinaus: 2013 schlossen sich Ärzte im umkämpften Teil Aleppos zusammen. Mahmoud Mustafa, ein Augenarzt, war ein Gründungsmitglied: "Zwei Drittel des medizinischen Personals war geflohen, Wir brauchten dringend eine Notversorgung", so seine Motivation.
Fast 400 Personen arbeiten heute für die Gruppe: Mittlerweile kümmert sich die IDA, die zu 90 Prozent aus Hilfsgeldern der deutschen Regierung finanziert wird, auch um die Versorgung chronisch unterernährter Kinder und intern Vertriebener. "Immer öfter diskutieren wir aber auch, welche langfristigen Folgen unser Engagement hat", sagt Sprecherin Hautefeuille, "dass Gruppen wie wir den politischen Grundstein eines neuen Syriens legen."
Die Metamorphose von Helfern zu Hoffnungsträgern im weitesten Sinne illustriert auch der Erfolg der "Weißen Helme". Diese Zivilschutzgruppe, für die Bäcker, Bankangestellte und Pianisten arbeiten, entstand 2014 und ist mittlerweile die größte Aktivisten-Gruppe, finanziert von der internationalen "Syrien Support Group". Fast 3000 Freiwillige sind in 114 Einsatzstellen vertreten. Die Gruppe, die sich strikt als unparteiisch definiert, versucht, in den von der Opposition gehaltenen Gebieten nach Luftangriffen, Menschen zu bergen und in Spitäler zu bringen. 40.000 Menschen verdanken ihr Überleben der Hilfe dieser Gruppe, fast 90 Mitglieder starben bei dem Einsatz.
"Menschen aus den Trümmern zu retten ist nur eine Übergangsphase. Wir hoffen, dass die Zivilschützer irgendwann einmal auch die Trümmer dieser Gesellschaft wiederaufbauen. Wir kümmern uns um die Anliegen der ganz normalen Menschen, nicht um unsere Eigeninteressen", so eine Mitarbeiterin der "Weißen Helme". Wie fast alle Aktivisten dieser Gruppe will sie anonym bleiben. Eine Ausnahme ist der Direktor der Gruppe, Raed al Saleh. Bei einem Auftritt in London, Anfang März, meldet er sich selbstbewusst zu Wort: "Wir bekommen mehr Mitgliedsanträge von Menschen, die noch in Syrien leben, als wir aufnehmen können, denn wir sind das nette Gesicht Syriens geworden."
Eine immer wichtigere politische Rolle spielen heute Bürgerjournalisten. Etwa die Initiative "Raqqah is Being Slaughtered Silently". 17 Syrer schlossen sich 2014 unter diesem nicht unbedingt eingängigen Namen "Raqqah wird stillschweigend geschlachtet" zusammen. Ihr Ziel ist es, Augenzeugenberichte, Videos und Fotos aus ihrer Heimatstadt Raqqah zu schmuggeln, die zur Hochburg des "IS" geworden war. Fünf der Aktivisten wurden bereits von der Terrormiliz "IS" ermordet; doch ihre Initiative gewinnt in jeder Hinsicht an Boden. "Ich spreche heute im Namen von Millionen von Syrern, die sich ein freies, demokratisches und vereintes Heimatland wünschen", so ein Aktivist, der zwar erkennbar, aber zum Schutz der Familie anonym im November 2015 in New York auftrat. Er nahm den "International Press Freedom Award" entgegen, der vom "CPS" (Committee to Protect Journalists) vergeben wird und als einer der renommiertesten Publizistik-Preise der Welt gilt. Und er machte deutlich, dass sich Leute wie er im Schatten von zähen Verhandlungen und immer chaotischeren Kämpfen als Hoffnungsträger Syriens etablieren.
Tausende solcher syrischen Bürgerjournalisten, als Einzelkämpfer oder in Plattformen vereint, engagieren sich; aber auch in anderen Segmenten spielen Freiwillige ein immer wichtigere Rolle. Yusuf Eissa, ein 25-jähriger Journalist, meint, dass so eine neue, moderne politische Elite entsteht: "Zu den größten Hürden zählt nicht bloß, dass sich Syriens Konfliktparteien irgendwann auf Wahlen und ein neues politisches System einigen. Viel schwieriger wird es sein, Persönlichkeiten zu finden, die als Integrationsfiguren akzeptiert werden", so Eissa. Jene, die vor Ort für die Belange der Syrer eintreten, haben das Potenzial dazu. "Viele Menschen vertrauen nur noch diesen Personen, die hier sind, bei ihnen. Das sind nicht bloß jene, die für sie kämpfen."
Druck Saudi-Arabiens
Die Ursache dafür: Chaos regierte -zu - lange sowohl innerhalb der bewaffneten als auch politischen Opposition. Ein zartes Signal Richtung Einigung war die Formierung der Verhandlungsdelegation der Opposition für die erneut aufgenommenen Gespräche in Genf. In diesem "High Negotiation Committee", dem "HNC", schlossen sich fast zwei Dutzend Gruppen zusammen. Auch Vertreter der "Freien Syrischen Armee" sind, anders als bei den Gesprächen zuvor, maßgeblich vertreten. Das galt als Fortschritt. Doch mit Mohammed Allusch als HNC-Chefverhandler erlangte der Führer einer der einflussreichsten Milizen, der "Jaisch al-Islam" ("Armee des Islams"), eine zentrale Rolle. Die salafistische Ideologie der Gruppe ist jedoch vielen ein Dorn im Auge. So auch Allusch selbst, der in Saudi-Arabien Rechtswissenschaften studiert hatte. Erst auf Druck Riads gelang eine Einigungen auf den HNC: Dass ausgerechnet Allusch nun diese Rolle übernahm, ist Indiz dafür, wie stark der Einfluss des Auslands auf die Opposition ist und wie gering die Mitsprache der Syrer selbst, die radikalen Islamisten sehr skeptisch gegenüberstehen.
Ein weiteres, lang verschollen "Gesicht" des syrischen Widerstandes tauchte mit dem Inkrafttreten der Ruhe von Kampfhandlungen im Februar auf: friedliche Demonstranten, die mit Transparenten für einen Wandel in dem Land kämpfen. "Wir haben nicht aufgegeben. Wir sind immer noch da", stand da zu lesen. Oder: "Die Revolution geht weiter." Fast 200.000 dieser politischen Widersacher des Regimes wurden seit 2011 verhaftet, laut Angaben von Menschenrechtsgruppen dürften bis zu 70.000 in den Gefängnissen umgekommen sein. Doch viel mehr von ihnen als erwartet haben überlebt - physisch, aber auch politisch.
"Wir müssen erst lernen, wie eine Demokratie wirklich ablaufen kann, wie so etwas klappt. Was Politik ist", betont Mohammed Bakkour, der Mitglied eines solchen Komitees, in der nordsyrischen Stadt Azaz ist. "Wir haben hier sogar schon so etwas wie eine lokale Stadtverwaltung gewählt. Doch das sind erste Schritte. Wir hatten ja keine Erfahrung mit demokratischen Prozessen und hätten schon 2011 viel mehr Unterstützung beim Aufbau neuer Fundamente gebraucht. Dann wäre in dieser Revolution vieles, sehr viel anders verlaufen." Aber nun würde sich das langsam ändern, glaubt der 56-Jährige. "Wir, die Aktivisten am Boden, werden uns durchsetzen. Weil man uns zu vertrauen beginnt. Das hat gedauert, doch verleiht uns langfristig die größte Macht im Land."
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