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Seit Monaten fordert die Industrie im Zuge der Arbeitszeitflexibilisierung die Kürzung der Überstundenzuschläge. Der Gewerkschaftsbund (ÖGB) wehrt sich nun gegen diesen "Lohnraub". Die ÖGB-Spitze stellte gestern klar, dass ein "Vorbeischleichen am Kollektivvertrag" für sie nicht in Frage kommt. Österreichs Arbeitnehmer wären die flexibelsten in Europa.
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"Wer Lohnraub will, soll das klar sagen." ÖGB-Präsident Fritz Verzetnitsch und sein Vize Karl Klein können den Vorschlägen der Industriellenvereinigung und der Wirtschaftskammer, wonach in Österreich die Arbeitszeit flexibler werden und gleichzeitig die Überstundenzuschläge gekürzt werden sollen, nichts Positives abgewinnen. Der oberste Arbeitnehmervertreter wehrt sich gegen das Ansinnen, "unbezahlte Mehrarbeit" per Gesetz durchsetzen zu wollen, wie es WKÖ-Präsident Christoph Leitl bereits angedroht hatte, so Verzetnitsch gestern in einer Pressekonferenz.
ÖGB-Sekretär Richard Leutner rechnet vor, dass das Modell der Industrie, wonach Überstundenzuschläge erst nach der 11. Stunde anfallen würden, die Betroffenen rund 1 Mrd. Euro jährlich koste. Von den 180 Millionen regelmäßig geleisteten Überstunden würde die Hälfte nicht mehr mit Zuschlag vergütet. Verzetnitsch rechnet zwei Beispiele vor: Ein Metallarbeiter mit einem Grundlohn von 2.000 Euro, der im Schnitt 3 Überstunden pro Woche - 150 pro Jahr - leistet, müsste eine Einkommenskürzung von 3.000 Euro jährlich hinnehmen. Eine Handelsangestellte mit 1.500 Euro Gehalt und 120 Überstunden pro Jahr käme auf einen Verlust von 1.700 Euro.
Verzetnitsch warnt davor, das Arbeitszeitgesetz zu ändern, denn durch sinkende Kaufkraft würden keine neue Arbeitsplätze geschaffen, sondern vielmehr 5.000 Stellen vernichtet, so der ÖGB-Chef.
Prinzipiell wehrt sich der ÖGB nicht gegen flexiblere Arbeitszeitmodelle. Doch diese müssten stärker als bisher auf die Bedürfnisse von Familien und die Gesundheit der Beschäftigten Rücksicht nehmen. Verzetnitsch kann den Ruf der Wirtschaft nach Flexibilisierung nicht nachvollziehen, denn zwei Drittel der Unselbständigen (u.a. 500.000 Schichtarbeiter, 675.000 Teilzeitkräfte und 210.000 Geringfügige) würden den Betrieben äußerst flexibel zur Verfügung stehen, die klassische 40-Stunden-Woche sei mittlerweile die Ausnahme. Obendrein bieten Betriebsvereinbarungen wie KV die Möglichkeit, die Arbeitszeit je nach Bedarf des Betriebes oder der Branche zu regeln.
Für WKÖ-Chef Leitl ist die "Lohnkostensenkung nie im Vordergrund gestanden", er identifiziere sich "nicht mit Äußerungen, dass alle um dasselbe Geld mehr arbeiten sollen". Welche Einsparungen das von ihr propagierte Modell der Wirtschaft bringe, sei noch nicht errechnet. Es gehe aber darum, in Industriebranchen mit starken Auftragsschwankungen die Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten.
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